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Ich kann nicht abseits stehen, weil es fr mich abseits kein Glck gibt und dieser Krieg ist im Grunde ein Krieg um die Wahrheit.

Hans Scholl, 28.10.1941

Weiße Rose Stiftung e.V.

Zur Geschichte der Weiße Rose Stiftung

25 Jahre Weiße Rose Stiftung e.V. – ein Beitrag zur Erinnerungskultur
von Hildegard Kronawitter veröffentlicht im Themenheft "Einsichten und Perspektiven" über die Weiße Rose der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

„Ihr sollt nicht vergessen sein“, versprach bereits am 27. Juni 1943 Thomas Mann in seiner monatlichen BBC-Sendung „Deutsche Hörer!“, als er vom studentischen Widerstand in München und der Ermordung dreier Studenten berichtete [1]. In den folgenden Jahrzehnten wurde dieses Versprechen in vielfacher Weise eingelöst. Gedenkveranstaltungen und Zeitzeugengespräche, Mahnmale und Namensgebungen von Straßen, Plätzen, Schulen und sonstigen Institutionen, zahlreiche publizistische und wissenschaftliche Veröffentlichungen, international beachtete Filme sowie unzählige Medienberichte erinnerten an die studentische Widerstandsgruppe um Hans Scholl und Alexander Schmorell und hielten die Flugblattaktionen der Weißen Rose im Bewusstsein der Menschen bemerkenswert präsent.

In diesem Beitrag wird die vielfältige Erinnerungskultur zur Weißen Rose in den Blick genommen und anschließend gefragt, warum angesichts eines umfassenden Vergegenwärtigens und Gedenkens im Jahr 1987, also nach über vier Jahrzehnten der Widerstandsaktionen eine eigene Institution, die Weiße Rose Stiftung e. V. ins Leben gerufen wurde. Die neu gegründete Organisation mit heutigem Sitz in der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität verpflichtete sich per Satzung, den Widerstand der Weißen Rose im In- und Ausland bekannt zu machen, Wissen und Verständnis für den Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu fördern sowie anzuregen, über das Lernen aus der Vergangenheit Toleranz, Zivilcourage und Übernahme individueller Verantwortung in Demokratie und Gesellschaft zu fördern. Es ist also zu prüfen, ob und inwieweit die Weiße Rose Stiftung e. V. dem selbstgestellten Auftrag nachkommt und welchen ergänzenden Beitrag sie für die Erinnerung an die Weiße Rose zu leisten vermag. Danach zu fragen, heißt zugleich die Legitimation der Weiße Rose Stiftung e. V. zu überdenken und ihre Leistungen für die Erinnerungskultur des Widerstandes einzuordnen.

Alle Bilder in diesem Beitrag stammen aus dem Kunstprojekt „Das Erbe der Weißen Rose“ – Mobile Kunst im Münchner Raum von 2011/2012 von Oberstufenschülern des Willi-Graf-Gymnasiums (Projektleiterin Uta Schärf). Die mobilen Kunstinstallationen schmücken historische Orte der Nachkriegszeit und ihre Bildzitate sind geprägt von kritischem Denken, Zivilcourage, Verantwortung, dem Ringen moderner Jugendlicher um innere und äußere Freiheit im Allgemeinen und politischem Engagement für ein friedliches und tolerantes Zusammenleben. Diese erweiterte „Street Art“ soll die Menschen auf die Werte, für die die Weiße Rose gekämpft hat, aufmerksam machen und so ihr Erbe aufrecht erhalten.

Immer war die Vergegenwärtigung des Widerstandes zeitbezogen und mit aktuellen gesellschaftspolitischen Fragestellungen verwoben, folglich unterscheiden sich die Formen des Erinnerns in den jeweiligen Jahrzehnten mitunter stark. Ein prägnantes Beispiel dafür ist die Installation der prächtigen Weiße-Rose-Orgel im Jahr 1960 auf der Empore des Lichthofs der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) „zur besonderen Würdigung des studentischen Widerstands“ gegen den Nationalsozialismus. Der „Stimme der Freiheit“ wollte der ehemalige Universitätsrektor Prof. Dr. Josef Pascher mit der „Königin der Instrumente“ Ausdruck verleihen [2].

Ein Jahrzehnt später wäre die Orgel in Anbetracht der studentischen Unruhen an den Universitäten als Mahnmal kaum mehr möglich gewesen, denn schon 1968 wurden nach einer Protestaktion von Studierenden, die sich gegen eine konservative Vereinnahmung der Weißen Rose wandten, die jährliche Gedenkfeier im Lichthof ausgesetzt. Angesichts der unterschiedlichen Deutung des Widerstandes für die Gegenwart hatte sich das gemeinschaftsstiftende Gedenken an der LMU bis 1980 erschöpft [3]. An diesem Beispiel illustriert sich Aleida Assmanns Verdikt, wie zeitbezogen Erinnerungskultur stets war, ja sein muss: „Jede Generation entwickelt ihren eigenen Zugang zur Vergangenheit und lässt sich ihre Perspektive nicht durch die vorangegangene Generation vorgeben.“ [4]

Diesen eigenen Zugang zur Vergangenheit kann nur Wissen um das historische Geschehen eröffnen. Damit aber aus diesem eine bewusste Erinnerung werden kann, bedarf es der Empathie der Sich-Erinnernden. Und aus dem Erinnern heraus lassen sich Fragen wie „Was hat das heute mit mir zu tun?, Was sagt uns die Erinnerung für unsere Gegenwart?“ beantworten und lässt sich eine Botschaft für unsere heutige Welt entfalten. Die Weiße Rose Stiftung e. V. knüpft mit ihrer Arbeit an dieser Erkenntnis an und interpretiert damit zeitgemäß Willi Grafs Auftrag an seine Schwester Anneliese: „Sage auch allen anderen Freunden meinen letzten Gruß. Sie sollen weitertragen, was wir begonnen haben. [5]

„Zivilcourage und Meinungsfreiheit“, Wandmalerei 2011/2012


Die Weiße Rose im Gedächtnis der Menschen

In München fand die erste öffentliche Gedenkveranstaltung für die Widerstandskämpfer der Weißen Rose bereits am 4. November 1945 in den Münchner Kammerspielen statt. Die damalige Rednerliste - Romano Guardini als Festredner, Bayerns Kultusminister Franz Fendt sowie Münchens Oberbürgermeister Karl Scharnagl als Repräsentanten der neuen politischen Ordnung sowie Josef Furtmeier im Namen des studentischen Freundeskreises – dokumentiert bereits eine besondere Wertschätzung und Würdigung der Widerstandsgruppe. Oberbürgermeister Karl Scharnagl betonte, die Stadt sei stolz auf die „todesmutigen jungen Menschen“, die versucht hatten, „das deutsche Volk aus seiner Lethargie zu wecken“ [6]. Kultusminister Franz Fendt forderte bei diesem Anlass ein Mahnmal der Universität für die Widerstandsgruppe um Hans und Sophie Scholl, Christoph Probst, Alexander Schmorell, Willi Graf und Prof. Kurt Huber, welches die Universität ein Jahr später in Form einer eindrucksvollen marmornen Gedenktafel mit den Namen der Ermordeten und der Würdigung ihres Widerstandes installierte. Bei seiner Einweihung am 2. November 1946 hielt Universitätsrektor Prof. Dr. Karl Vossler eine „Gedenkrede für die Opfer an der Universität München“. Mit noch weiteren Denkmälern im Universitätsbereich sowie einer jährlichen großen Gedenkveranstaltung bis 1968 und dann wieder ab 1980 würdigte die Universität ihre ehemaligen widerständigen Ermordeten und inzwischen zum Vorbild gewordenen Studierenden sowie den Universitätslehrer Professor Dr. Kurt Huber, dem sie 1953 im Rahmen der Gedenkfeier feierlich wieder die Doktorwürde verlieh.

Viele Städte der westlichen Besatzungszonen sowie in der sowjetisch besetzten Zone benannten ab der frühen Nachkriegszeit Straßen und Plätzen nach den vom NS-Staat Ermordeten. So erhielten bereits am 9. September 1946 die Halbrondells vor der Münchner Universität den Namen Geschwister-Scholl-Platz und Prof.-Huber-Platz. Es folgten in München die Namensgebungen Schmorell-Platz (noch im gleichen Jahr), Christoph-Probst-Straße (1947), Willi-Graf- und Hans-Leipelt-Straße (beide 1963).
Laut onlinestreet.de gibt es in Deutschland 96 Geschwister-Scholl-Straßen, deutlich weniger sind nach dieser Quelle hingegen Straßen und Plätze nach Kurt Huber (13) Willi Graf (12), Christoph Probst (8) und Alexander Schmorell (4) benannt. Bis in die jüngste Zeit hinein verfolgt die jeweilige kommunale Obrigkeit mit der Namensgebung von Straßen und Plätzen eine politische Botschaft an die Bevölkerung - über die Erinnerung hinaus. So setzte die Stadt Riesa in Sachsen am 2. Oktober 2010 mit der Geschwister-Scholl-Straße ein Zeichen gegen Rechtsextremismus. Die Stadt zwingt damit die in dieser Straße ansässigen rechtsextremistischen Kader sowie den NPD-Verlag „Deutsche Stimme“ zu einer Adresse, deren Namensgeber mit toleranter, humaner Gesinnung und für Demokratie assoziiert werden [7]. In Hanau hingegen erfolgte am 8. Mai 2012 die Umbenennung zu „Sophie-Scholl-Platz“ mit der Absicht, mehr Bewusstsein für eine friedliche Welt und Frauen im Widerstand zu erreichen. [8]


„Mut“, Malerei 2011/2012
Anders als im Westen, wo die jährliche Gedenkveranstaltung in der LMU „lange Zeit die wichtigste institutionelle Verankerung der öffentlichen Erinnerung an die Weiße Rose“ blieb (Ernst, S. 43), initiierten die neugegründeten staatsnahen Organisationen FDJ und VVN (Vereinigung Verfolgter des Nationalsozialismus) in der SBZ / DDR von 1947 bis 1950 gezielt örtliche „Geschwister-Scholl-Gedenkfeiern“ an den Jahrestagen des 22. Februars, die als „Tag der jungen Widerstandskämpfer“ begangen wurden. Nach den bereit gestellten Redeunterlagen des VVN sollte die studentische Widerstandsgruppe Weiße Rose herausgestellt werden. Der Dresdner Stadtrat für Volksbildung Egon Rentzsch betonte in einem zentralen Artikel, dass „das Leben der Geschwister Scholl und ihrer Freunde der heranwachsen Intelligenz Wegweiser werden“ soll [9]. Doch schon ab 1950 wollten VVN und FDJ die Bedeutung der Geschwistern Scholl bei den Feiern zum „Tag der jungen Widerstandskämpfer“ zurückgenommen wissen. Zeitgleich wünschte der VVN auch keine weiteren Straßenbenennungen nach dem Geschwisterpaar mehr. Das Generalsekretariat des VVN wandte sich mit der Begründung dagegen: „die sehr große Anzahl von Geschwister-Scholl-Straßen“ stehe in „keinem Verhältnis zu ihrer Tätigkeit und schon gar nicht zu dem Kampf der proletarischen Widerstandskämpfer‘“ [10]. Offensichtlich verstärkte die zunächst erwünschte Identifikation der jungen Generation mit den Geschwistern Scholl aufkeimenden Protest gegen die zunehmend autoritärer werdende politische Führung der DDR. Dafür spricht die heimliche Verteilung von Flugblättern durch 19 Werdauer Oberschüler - unter ihnen Achim Beyer -, die sich bewusst an dem Vorbild der Münchner Studentengruppe Weiße Rose orientierten. Die Schülergruppe protestierte gegen die als undemokratisch erlebte Volkskammerwahl in der DDR im Oktober 1950 sowie im Januar 1951 gegen das Todesurteil für den jungen Erwachsenen Hermann Flade. Am 19. Mai 1951 wurden zwei Gruppenmitglieder bei der Verteilung von Flugblättern aufgespürt, alle 19 Schüler noch vor dem Gerichtsverfahren vom Besuch der Oberschule ausgeschlossen und anschließend drakonisch bestraft [11]. Repression und harte Bestrafung mit Zuchthaus wiederholten sich wenige Jahre später beim „Eisenberger Kreis“ – einer Gruppe von Oberschülern, Lehrlingen und Studenten aus Eisenberg und Jena. Sie hatte von 1953 bis zu ihrer Verhaftung 1958 mit Flugblättern und Plakatanschlägen gegen Unfreiheit und Willkür des autoritären Staates protestiert. Unter ihren „Aufruf an die Hochschullehrer‘“ vom 4. November 1957 setzten sie den Satz „Voller Besorgnis, die freien Stimmen könnten verhallen, gedenken wir besonders heute ihrer Opfer in aller Welt. (…) Den Geschwistern Scholl“. Auf der Rückseite des Flugblattes standen die Schlussworte Prof. Kurt Hubers vor dem Volksgerichtshof [12].


Namensschulen als pädagogisches Programm

„Wichtigster, weil breitenwirksamster Ort öffentlich-institutionalisierter Gedenkformen an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus sind die Schulen“, konstatiert Marja Bitterer in ihrer Studie „Pädagogik wider das Vergessen“ [13]. Eben diese Gedenkform mit ihrer besonderen Vorbildwirkung für die nachwachsenden Generationen wurde über die Jahrzehnte hin sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR in reichlicher Zahl wahrgenommen; eine der letzten Namensgebungen erfolgte am 16. März 2010 mit der „Sophie-Scholl-Schule Santa Maria in Oberjoch“ (Allgäu).

Nach einer Auswertung von ARTE-Karambolage 2006, aktualisiert 2009, ist das Geschwisterpaar Scholl der häufigste Namensgeber für deutsche Schulen. Sage und schreibe 161 Schulen tragen den Namen „Geschwister Scholl“, davon allein in Nordrhein-Westfalen 44, in Bayern fünf. Ergänzend dazu gibt es 24 (in Bayern 5) nach Sophie Scholl und zwei nach Hans Scholl benannte Schulen. Vergleichsweise wenige Schulen firmieren hingegen mit den Namen der anderen ermordeten Weiße-Rose-Mitglieder. [14]

Wie sehr der Schulname „zum Inbegriff des pädagogischen Paradigmas eines „Lernens an Vorbildern“ [15] wurde, verdeutlicht ein Schreiben der engagierten Lehrerin Isolde Lommatzsch zum Anlass des Festaktes „60. Jahrestag der Namensgebung des Geschwister-Scholl-Gymnasiums Freiberg“. Sie schreibt an die gesamte Schülerschaft: „Wir können von ihnen so viel lernen: Courage, sich gegen Ungerechtigkeiten zu wehren; Mut, für seine Ideale einzutreten und Tatkraft, eigene Ideen auch zu verwirklichen. Ihr Vorbild kann uns berühren, wenn es um unser eigenes Engagement, um Zivilcourage und zielgerichtetes Handeln geht.“ [16] Beim Festakt selbst interpretierte Sven Krüger im Namen der Stadt Freiberg die Wahl des Schulnamens vor 60 Jahren: „Es war ein Zeichen für den Willen, wieder humanistische Grundwerte in der Gesellschaft zu verankern. Und es ist dazu ein historischer Beleg dafür, dass zu diesem Zeitpunkt noch eine gewisse Offenheit in der Gesellschaft herrschte“.

„Widerstand“, Malerei 2011/2012


Fazit: Die Weiße Rose ist im Bewusstsein junger Menschen

Die Weiße Rose, insbesondere die Geschwister Scholl sind auch heute bei jungen Menschen präsent. Nach einem Ranking von Vorbildern, das die BAT Stiftung für Zukunftsfragen auf der Basis einer repräsentativen Befragung von 2000 Deutschen im Jahr 2009 erstellt hat, gehören für die heutige Jugendgeneration im Alter von 14 bis 27 Jahren die Geschwister Scholl zu ihren zeitlosen Vor- und Leitbildern. Sie verkörpern für sie Werte wie Nächstenliebe, Toleranz und Zivilcourage; sie werden für die eigene Orientierung akzeptiert. Nach Mutter Teresa, Martin Luther King, … und John F. Kennedy findet sich das Geschwisterpaar auf Platz sechs. [17]

Zweifellos haben Schulunterricht, Bücher und hier insbesondere Biografien [18], öffentliche Ehrungen mit Schul- und Straßennamen das historische Geschehen um die Weiße Rose im Bewusstsein gehalten und die damit verbundenen Botschaften vermittelt. Gestützt und getragen wurde die Erinnerung an die Weiße Rose über die Jahrzehnte von einer vielfältigen Publizistik, ergänzt von filmischen Interpretationen und Dokumentationen. Michael Verhoevens Film „Die Weiße Rose“, seit 30 Jahren ein Filmklassiker, und auch Marc Rothemunds „Die letzten Tage. Sophie Scholl“ von 2005 ziehen nach wie vor ein zahlreiches Filmpublikum an und popularisieren die Erinnerung an die studentische Widerstandsgruppe weltweit, wie nicht zuletzt Einträge im Gästebuch der DenkStätte Weiße Rose belegen.

Eine kurze Recherche bei internationalen Universitätsbibliotheken in Paris, Toulouse, Madrid, London, Tel Aviv oder Moskau verweist auf zahlreiche wissenschaftliche Werke zur Weißen Rose, verfasst von internationalen Fachhistorikern in ihren jeweiligen Landessprachen. Inge Aicher-Scholls Buch „Die Weiße Rose“ liegt in der jeweiligen fremdsprachigen Ausgabe vor.

„Meinungsfreiheit“, Malerei 2011/2012


Weiße Rose Stiftung e. V.

Angesichts der vielfältigen Erinnerung an die Weiße Rose und einer sich verstärkenden wissenschaftlichen Aufarbeitung bedurfte es für die Gründung einer eigenen Institution offenbar eines besonderen Anstoßes. Dieser kam von außen, aus den USA, und verknüpfte sich mit dem Protest gegen den Besuch von US-Präsidenten Ronald Reagan und Kanzler Helmut Kohl 1985 auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg, auf dem auch 43 Tote der SS begraben sind. Wie der US-amerikanische jüdische Religionsphilosoph Michael Wyschogrod berichtet, habe sich im April 1985 in den USA Widerstand gegen diesen Besuch ausgebreitet. „Amerikanisch-jüdische Organisationen fühlten sich besonders betroffen. Sie fürchteten, dass ein solcher Besuch Symbol dafür sein würde, dass die Zeit alle Wunden geheilt hätte.“ Jüdische Organisationen überlegten, „wie sie ihr Missfallen deutlich machen könnten“ [19]. Er, Wyschogrod habe auf die Widerstandsgruppe Weiße Rose hingewiesen; seine guten Kontakte zu den deutschen Kirchen wegen der Arbeit für die Jüdisch-Christlichen Beziehungen waren bekannt. Der American Jewish Congress schickte deshalb Wischogrod Ende April 1985 nach München, um Vorbereitungen zu treffen für einen demonstrativen Besuch einer amerikanischen Delegation des Jewish Congress sowie Bürgerrechtsaktivisten an den Gräbern der Märtyrer der Weißen Rose. Franz und Britta Müller sowie Mitarbeiter des 3. Bürgermeisters der Stadt München, Dr. Klaus Hahnzog, unterstützten ihn dabei intensiv. Bei der Gedenkfeier an den Gräbern am 2. Mai 1985 betonte Theodore Mann, Präsident des American Jewish Congress im Beisein von 300 amerikanischen Besuchern sowie Familienangehörigen und Freunden der Weißen Rose: „Wenn wir eine Form der Aussöhnung brauchen, dann sind es die gemeinsamen Tränen von Juden und Deutschen, die über den Gräbern von Hans und Sophie Scholl und ihren Mitstreitern vergossen wurden.“ [20] Über die teilnehmenden zahlreichen Journalisten habe die Welt erfahren, „dass es Gräber in Deutschland gab, die es wert waren geehrt zu werden“ – so Wyschogrod später. [21]

Noch auf dem Rückflug beschlossen die amerikanischen Gäste, über die Weiße Rose eine besondere Beziehung zwischen Amerika und Deutschland entstehen zu lassen. Zuvor hatte es berührende Begegnungen mit Familienangehörigen und ehemals Verurteilten der Weißen Rose gegeben. Bereits am 29. Juni 1985 verkündete der Direktor des American Jewish Congress, Henry Siegmann im Beisein von Inge Aicher-Scholl, Anneliese Knoop-Graf und Franz J. Müller, man wolle eine Stiftung gründen, die an amerikanischen Schulen und Universitäten den Widerstand der Weißen Rose bekannt mache. [22] Die White Rose Foundation wurde am 22. Februar 1987 in Washington mit Unterstützung der Senatoren Robert Dole und Joseph Biden förmlich ins Leben gerufen.

Auf deutscher Seite trafen sich im Laufe des Jahres 1986 Familienangehörige und ehemals Verurteilte der Weißen Rose im Beisein von Wyschogrod mehrmals, um Vorbereitungen für die Gründung einer Weiße Rose Stiftung zu treffen. [23] Wie Dokumente belegen, gab es zunächst hoffnungsvolle Ansätze, alle Familien und den gesamten Freundeskreis einzubeziehen. Es hätten sich dann - wie Inge Aicher-Scholl schreibt – „im Lauf der Entwicklung – aus rein praktischen Gründen – zwei Flügel gebildet, und der amerikanische Teil hat, …, gedrängt, die Gründung im Februar 1987 in Washington zu vollziehen. Dies hatte zur Folge, dass deutscherseits ein Verein gegründet werden mußte…“ [24].
Im Gründungsprotokoll der Weiße Rose Stiftung e. V. vom 30. Juni 1987 findet sich denn auch nur ein Teil der Familien. Es ist unterzeichnet von Inge Aicher Scholl, Heinz Bollinger, Hildegard Hamm-Brücher, Heiner Guter, Anneliese Knoop-Graf, Franz J. Müller, Marie-Luise Schultze-Jahn. Weiter ist protokolliert, dass die Versammlung Franz J. Müller als Vorsitzenden wählte und Anneliese Knoop-Graf sowie Marie-Luise Schultze-Jahn als die beiden stellvertretenden Vorsitzenden [25]. Die Familien Huber, Schmorell und Probst sahen sich ausgegrenzt, da sie weder in der Mitgliederversammlung noch im Vorstand der Weiße Rose Stiftung e. V. vertreten waren. Ihre Verärgerung formulierte Erich Schmorell in mehreren Schreiben [26].

Die neu gegründete Organisation ist per Satzung als „der deutsche Teil der WHITE ROSE FOUNDATION; New York“ definiert und auf die Zusammenarbeit beider orientiert. Weiter soll gemäß der Satzung in der Bundesrepublik an den deutschen Widerstand erinnert sowie Rassen- und Völkerhass entgegengewirkt werden.

Die erste gemeinsame Unternehmung beider Organisationen war die für 16. bis 18. Mai 1988 angesetzte Internationale Weiße Rose Konferenz in der Ludwig-Maximilians-Universität. Freya von Moltke und Bundestagsvizepräsident Heinz Westpfahl hielten Begrüßungsreden. Nicht zuletzt erfuhren auch die namhaft besetzten Fachpannels große Medienbeachtung.

Der Arbeitsalltag der Weiße Rose Stiftung e. V. war bestimmt von Veranstaltungen und Zeitzeugengesprächen, in den ersten beiden Jahren ergänzt von dem ambitionierten Vorhaben der Erarbeitung einer Wanderausstellung „Die Weiße Rose – Studenten gegen Hitler 1942/43“. Inge Aicher-Scholl, Anneliese Knoop-Graf, Britta Müller-Baltschun, Franz J. Müller, Marie-Luise Schulze-Jahn, Hans Hirzel, Christiane Moll und Ulrich Chaussy erarbeiteten die Ausstellungstexte. Konzeption und Gestaltung übernahm der international renommierte Designer Otl Aicher, ein Schwager der Geschwister Scholl. Ende 1991 standen zwei Versionen der Ausstellung zur Ausleihe bereit: eine mit 112 Ausstellungstafeln und eine mit 65 implastierten Tafeln. Zeitgleich wurden die Ausstellungstexte in Begleitheften in Deutsch, Englisch und Italienisch angeboten. In den ersten Jahren erwiesen sich bei Präsentationen und Veranstaltungen die Goethe-Institute als tatkräftige Partner im Ausland, später auch die Friedrich Ebert Stiftung.

Die Kooperation mit den Goethe-Instituten spiegelt sich im neu formulierten Satzungszweck von 1992 wider. [27] Der Anlass für dessen weitgehende Änderung lag jedoch in der bisherigen US-Partnerorganisation White Rose Foundation begründet. Das Sitzungsprotokoll hält hierzu fest: „Die White Rose Foundation hat sich aufgelöst, weil der American Jewish Congress, vor allem nach dem Tode von Burns, sich mit Geld ausschließlich für jüdische Interessen und Zusammenhänge einsetzen will und nicht für so allgemeine Ziele wie die Bekanntmachung des deutschen Widerstands im Dritten Reich.“ [28] Eine Gründung „American Friends of The White Rose“ schien laut Protokoll möglich, wurde später jedoch nicht realisiert. Michael Wyschogrod und Franz J. Müller sollten auf Wunsch der Mitgliederversammlung die Verbindungen mit den USA aufrechterhalten.

„Mut“, mobile Installationskunst vor der Münchner Universität 2011/2012


Wanderausstellungen
Die Wanderausstellung „Die Weiße Rose – Studenten gegen Hitler 1942/43“ war von Anfang an ein zentrales Medium der Erinnerungsarbeit der Weiße Rose Stiftung e. V. Beginnend 1991 mit einer mehrmonatigen Präsentation im Rastätter Freiheitsmuseum wurde sie inzwischen rund 350mal im In- und Ausland gezeigt. In Deutschland präsentierten Schulen, sonstige Bildungsstätten, Ausstellungshäuser, sogar der Deutsche Bundestag (Foyer des Abgeordnetenhauses) die Ausstellung – allein 2011 wurden zehn Ausstellungstermine im Inland gezählt. Ergänzend zur umfassenden Ausstellung können die im letzten Jahrzehnt entstanden Teilausstellungen zu Hans Scholl, Prof. Kurt Huber, Christoph Probst, Traute Lafrenz, Alexander Schmorell und die Berliner Widerstandsgruppe „Onkel Emil“ ausgeliehen werden. [29]

Oftmals ergänzten die jeweiligen Veranstalter ihre Präsentation mit einem wahren Veranstaltungsreigen und begleiteten sie auch medial gut. Mit Fug und Recht darf deshalb festgehalten werden: Über das Medium Ausstellung wurde die Erinnerung an die Widerstandsgruppe wirkmächtig weitergetragen und bei einem großen Publikum Aufmerksamkeit für den Widerstand der Weißen Rose geweckt.

Besonders eindrucksvoll nehmen sich die Ausstellungsstationen im Ausland aus – unter anderem in Washington (1991), Santiago de Chile (1991), Rom (1994), New York (1994), Toulouse, Straßburg und Rotterdam (1995), Brüssel (2001), St. Petersburg (2001), Polen mit Wroclaw/Breslau, Danzig und Warschau (2005), Südafrika mit Johannisburg, Pretoria und Kapstadt (2006) sowie Madrid (2010). Rasch wurden in den 1990er Jahren die englisch-, italienisch- und französischsprachige Version realisiert. 2005 konnte mit Hilfe staatlicher Förderung sowie privater Stiftungsmitteln, die polnischsprachige und 2010 die spanischsprachige Ausstellung zur Ausleihe angeboten werden. Bei allen Versionen wurden die implastierten Tafeln durch eine stabile Plakatausführung in 70 mal 100 cm ersetzt; die Zahl der Tafeln ist aus praktischen Gründen auf 47 reduziert; unverändert ist die klassische Schwarz-Weiß Gestaltung von Otl Aicher geblieben.

Als besonderer Erfolg ist die seit 13 Jahren währende, sehr rege Ausstellungstätigkeit in Russland zu werten: In 29 Städten Russlands – unter anderem in St. Petersburg, Moskau, Wolgograd - konnte die russischsprachige Version der Ausstellung gezeigt werden. Stets stieß sie auf großes Interesse und beachtliche Medienresonanz. Winfrid Vogel, General a. D., betreut ehrenamtlich im Auftrag der Weiße Rose Stiftung e. V. die Präsentationen zusammen mit Dr. Igor Chramow, Journalist und Historiker, von der Stiftung Eurasia. Chramow war bei seinen historischen Recherchen über deutsche Kaufleute in Orenburg im 19. Jahrhundert auf die Familie Schmorell und damit auf die Weiße Rose gestoßen. Er erkannte, dass über die Person Alexander Schmorell, der 1917 in Orenburg geboren wurde, bei Russen Interesse für den deutschen Widerstand zu wecken ist. [30] Mit Unterstützung des damaligen Oberbürgermeisters der Stadt Orenburg und der Robert Bosch Stiftung konnte die Weiße Rose Stiftung e. V. dann die Ausstellung nach Russland bringen.

2004 wurde in der Pädagogischen Universität in Orenburg eine Denkstätte Weiße Rose nach Münchner Muster eingerichtet; finanziell halfen dabei der Deutsche Bundeswehrverband sowie die Stiftung Erinnerung und Zukunft. Die russisch-orthodoxe Kirche würdigte Alexander Schmorell auf eine besondere Weise; sie sprach ihn am 5. Februar 2012 heilig. Zwischenzeitig ist er auch Namensgeber eines Orenburger Gymnasiums.

Mit dem großen Ausstellungsreigen verbindet sich die Hoffnung, den studentischen Widerstand gegen das NS-Regime bei der russischen Bevölkerung bekannt zu machen, ein differenzierteres Denken über die Deutschen während der NS-Zeit zu fördern und so zur Aussöhnung zwischen Russen und Deutschen beizutragen. Die Rückmeldungen jedenfalls verweisen – wie auch jene aus Polen und anderen Ländern - auf einen positiven Einfluss auf das herrschende Deutschlandbild.

Fast ein Jahrzehnt schienen die Möglichkeiten für Ausstellungspräsentationen in den USA erschöpft. Erst das besondere Engagement einer im Staat New York lebenden Deutschen ließ 2010 wieder eine Ausstellung in den USA und zwar im Arts Center in Mechanicville, New York, realisieren; Botschafter Klaus Scharioth übernahm dafür die Schirmherrschaft. Anschließend berichtete die deutsche Botschaft in Washington auf ihrer Homepage ausführlich über den Widerstand Weißen Rose und die gezeigte Ausstellung. Der Bericht überzeugte zusammen mit einer persönlichen Fürsprache sowie der Präsentation der Ausstellung auf der National Conference of the Social Studies in Denver die American Association of Teachers of German (AATG), die Ausstellung künftig ihren Mitgliedern zu empfehlen. Über eine landeskundige, sehr engagierte freie Mitarbeiterin gelang 2011 und 2012 von München aus die Organisation einer neuen, großen Ausstellungstour durch die USA. Die Ausstellung stieß mit den jeweiligen Präsentationen, insgesamt 15 und vornehmlich in High Schools, Colleges und Instituten, auf großes Interesse und erfuhr eine erfreulich positive lokale Berichterstattung. Aufmerksamkeitsgewinnende Eröffnungen und ergänzende Veranstaltungen sind meist obligatorisch. Wie zahlreiche Rückmeldungen von amerikanischen Schülern und Studenten belegen, erfuhren viele Amerikaner durch sie erstmals vom Widerstand der Weißen Rose.

In früheren Jahren reisten Franz J. Müller, Marie-Luise Schulz-Jahn und Anneliese Knoop-Graf häufig zu den Ausstellungseröffnungen und standen für Zeitzeugengespräche zur Verfügung. [31] Diese authentischen Zeugnisse können heute bei diesen und anderen Anlässen kaum mehr vermittelt werden. Dankbarerweise steht bis jetzt Franz J. Müller für Zeitzeugengespräche im Münchner Umkreis und in der DenkStätte zur Verfügung. Die Ausstellungspartner sind daher gebeten, eine Vertiefung des Ausstellungsthemas Weiße Rose über ein historisch-pädagogisches Begleitprogramm zu leisten, also mit Vorträgen, Filmen, Lesungen oder Gesprächsrunden. Entsprechende Anregungen werden von der Weißen Rose Stiftung e. V. bereits bei der Buchung der Ausstellung angeboten bzw. können auf der Homepage abgerufen werden.

„Mut“, mobile Installationskunst in der Münchner U-Bahn 2011/2012


Veranstaltungen / Kommunikation heute
Nach wie vor ist die Weiße Rose Stiftung e. V. bemüht, immer wieder auch thematische Veranstaltungen allein oder mit Partnern zu organisieren. Naheliegend sind Vorstellungen von neu erschienen Monografien und Biografien zur Weißen Rose. Aber auch spezielle Themen werden in Veranstaltungen aufgegriffen, so unter anderem der Blick auf die Erinnerung ohne Zeitzeugen („Was hält die Erinnerung am Leben“), die Bedeutung von Literatur für den Widerstand („Eine Mauer um uns baue… - Lektüre als Widerstand“) oder „Die Weiße Rose im Gedächtnis Münchens“. Sehr erfolgreich gestaltete sich 2011der Veranstaltungsreigen „Hamburg und die Weiße Rose“, der zusammen mit der Körber- und der Töpfer-Stiftung realisiert werden konnte. Mit Vorträgen und Podiumsdiskussionen - mehrmals im Zusammenhang mit der Präsentation der Ausstellung - wurde auf Widerstandsgruppen in Hamburg während der NS-Zeit eingegangen und die Verbindung zur Weißen Rose in München herausgearbeitet. Traute Lafrenz und Hans Konrad Leipelt, beide geborene Hamburger und in München studierend, sind das Hamburger Bindeglied zur Weißen Rose in München. Als die Widerstandsgruppe schon von der Gestapo zerschlagen war, vervielfältigte Hans Konrad Leipelt mit seiner Freundin Marie-Luise Jahn das sechste Flugblatt, setzten über den Text „Und ihr Geist lebt trotzdem weiter!“ und brachten es auch nach Hamburg.

Wie andere Institutionen der politischen Bildung setzt die Weise Rose Stiftung e. V. heute zusätzlich auf zeitnahe, virtuelle Vermittlung. Die Homepage www.weisse-rose-stiftung.de und die Facebook-Seite www.facebook.com/WeisseRoseStiftung werden daher als wichtige Medien in der Vermittlungsarbeit genutzt. Erfreulicherweise gelingt es, Informationen im Kontext der Weißen Rose grenzüberschreitend über die Facebook-Seite zu platzieren: Ein rundes Drittel unserer aktuellen Facebook-Freunde lebt im Ausland. Sie erreicht die virtuelle, in kurze Sequenzen verpackte Nachricht zur Erinnerung ebenso wie das medientypische junge Publikum im Inland. Mit dem virtuellen „Netzwerk Weiße Rose“, das mit der Homepage der Weiße Rose Stiftung e. V. verknüpft ist, steht Schulen eine Kommunikationsplattform offen, um eigene Projekte zur Weißen Rose vorzustellen oder sich von Aktivitäten anderer anregen zu lassen.

„Wer schweigt, stimmt zu“, mobile Kunst in der U-Bahn, Siebdruck auf T-Shirts 2011/2012


Historisch-pädagogische Projekte mit Schulen
Auf ein erfahrungsgeleitetes „Lernen-aus-der-Geschichte“ bei Schülerinnen und Schülern zielen die historisch-pädagogischen Projekte mit Schulen. Angestoßen und inhaltlich begleitet von der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, gehören diese Projekte seit 2004 zu den Kernaufgaben der Weiße Rose Stiftung e. V. Mit ihnen sollen Schüler erworbenes Schulwissen zur NS-Zeit mit eigener historischer Recherche, im Austausch mit Zeitzeugen, mit Archivarbeit und einer kritischen Zusammenschau vertiefen und erweitern. Die Erfahrung bestätigt: Dieses Lernen über Projekte führt für die Schülerinnen und Schüler zu bleibenden Einsichten in die damalige Allmacht des NS-Staates und zu Erkenntnissen, wohin Rassismus, Menschenverachtung und Intoleranz führen können. Zugleich wird für sie nachvollziehbar, warum eine Geisteshaltung, geprägt von der Bereitschaft zu individueller Verantwortung, Toleranz und Streben nach Freiheit, unvereinbar ist mit Ausgrenzung, Hass auf Minderheiten und rechtsradikaler Aggressivität.

2011 konnte die Weiße Rose Stiftung e. V. mit engagierten Schulpartnern fünf solcher Projekte realisieren. Hier seien lediglich das 2011 gestartete Projekt „SchülerArbeiten“ am Kurt-Huber-Gymnasium Gräfelfing angesprochen sowie das seit 2005 bestehende Projekt „Vergessener Widerstand in Markt Schwaben und Umgebung“ am Franz-Marc-Gymnasium, das bereits in einen sechsten Abschnitt mündete. [32]

Aus Anlass ihres 25-jährigen Bestehens hat die Weiße Rose Stiftung e. V. in Zusammenarbeit mit der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit den Schülerwettbewerb „Kreativer Umgang mit der Weißen Rose“ ausgeschrieben. Schülerinnen und Schüler sollen sich auf eine phantasievolle Art und Weise mit der Widerstandsgruppe auseinandersetzen. Visuelle oder akustische Mittel wie eine Graphic Novel oder eine andere Bildgestaltung, ein Video oder Hörfeature sollen entstehen. Eine Jury wird die besten drei Arbeiten prämieren.

In der Satzung ist die historisch-pädagogische Bildungsarbeit mit Schulen inzwischen ausdrücklich als Aufgabe der Weiße Rose Stiftung e. V. verankert.

DenkStätte Weiße Rose am Lichthof der LMU in München
Ein besonderer Meilenstein in der Erinnerungsarbeit der Weiße Rose Stiftung wurde 1997 mit der DenkStätte Weiße Rose in der LMU gesetzt. Die Universität stellte nach längerem Insistieren von Franz J. Müller und schließlich von Präsident Prof. Dr. Andreas Heldrich durchgesetzt, die frühere Professorengarderobe am Lichthof der Universität für eine DenkStätte Weiße Rose zur Verfügung. Das Baureferat der Universität sowie Heiner Guter, als Mitwisser der Flugblattaktionen verurteilt und später Architekt, planten die Ausgestaltung des Gewölberaumes mit der von Otl Aicher konzipierten Wanderausstellung. Sie ist ergänzt um Vitrinen mit Archivalien und Erinnerungsstücken. In einer Präsenzbibliothek findet sich Literatur zur NS-Zeit, speziell zum Widerstand. Ein bestuhlbarer Freiraum für Zeitzeugengespräche ist abgegrenzt. Später wurden noch Hörstationen und 2009 eine Sehstation installiert. Außerdem werden im Wechsel die bereits angesprochenen Teilausstellungen zu einzelnen Protagonisten der Weißen Rose gezeigt.

Der Besucherstrom stieg in den Jahren kontinuierlich an. 2011 konnten erstmals 27.000 Besucher aus dem In- und Ausland verzeichnet werden. Franz J. Müller steht nach wie vor auf Wunsch in- und ausländischen Gruppen für Zeitzeugengespräche zur Verfügung, und fachlich geschulte Mitarbeiter der Weiße Rose Stiftung e. V. führen häufig Gruppen durch die Dauerausstellung. 2011 besuchten sage und schreibe 409 Gruppen die DenkStätte, darunter 262 Schulklassen, davon ein Drittel aus dem Ausland. Erfreulicherweise bringen zahlreiche Bildungsinstitutionen von ihnen betreute Gruppen in die DenkStätte, um sie mit der Geschichte der Weißen Rose vertraut zu machen und sie den Lichthof als authentischen Ort erleben zu lassen. Bei der Betreuung der Besucher in der DenkStätte darf die Weiße Rose Stiftung e. V. auf einen verlässlichen Stamm Ehrenamtlicher zählen. Mit persönlichem Interesse an der Vermittlungsarbeit leisten zehn Damen und Herren diesen Dienst und gehören somit zu jenem Netzwerk an Menschen, die einen persönlichen Beitrag leisten, um die Erinnerung an die Weiße Rose präsent zu halten.

Die Weiße Rose Stiftung e. V. stellt sich mit der DenkStätte den heutigen museumsdidaktischen Anforderungen, wie einzelne Beiträge in diesem Heft verdeutlichen. Sie will auch künftig die Erinnerung an die Widerstandsgruppe ambitioniert an die junge Generation weitertragen. Eine künftige Erneuerung der Dauerausstellung muss daher anknüpfen an die durch Internet und Social Media veränderten Sehgewohnheiten und Wahrnehmungsmuster der jüngeren Generationen. [33]

Seit dem Jahr 2000 lädt auch die Ulmer DenkStätte Weiße Rose mit der Dauerausstellung „wir wollten das andere. Jugendliche in Ulm 1933 – 1945“ zum Besuch ein. Sie ist im EinsteinHaus der Ulmer Volkshochschule untergebracht. Vorausgegangen war ab Mitte der 90er Jahre ein intensives Bemühen des Vorstandes der Weiße Rose Stiftung e. V., in den „Weiße-Rose-Städten“ Ulm und Hamburg ebenfalls eine DenkStätte einzurichten. [34] Mit Unterstützung der Stadt Ulm und des Oberbürgermeisters Ivo Gönner gelang es schließlich, die Erinnerungsstätte in Ulm zu realisieren. Mit ihrer betonten Ausrichtung auf ein junges Publikum leistet sie in geschwisterlicher Verbundenheit mit der Weiße Rose Stiftung e. V., aber institutionell von ihr unabhängig, wertvolle Erinnerungsarbeit.


„Zivilcourage und Meinungsfreiheit“, Transparententwurf für den Odeonsplatz in München 2011/2012

„Friedensvogel“, Tagesausstellung/mobile Installationskunst am Königsplatz in München 2011/2012


Die Weiße Rose Stiftung e. V. – ein wichtiger Akteur des Erinnerns
Mit DenkStätte, Wanderausstellungen, historisch-pädagogischen Projekten, virtuellem Netzwerk und ergänzt mit thematisch einschlägigen Veranstaltungen ist die Weiße Rose Stiftung e. V. ein kraftvoller Akteur in der Erinnerungslandschaft.
Sie fungiert gewissermaßen auch als Nachrichtenbörse, bei der Informationen zur Weißen Rose nachgefragt oder für die Weitergabe platziert werden. Ihre Arbeit konzentriert sie auf die Erinnerung an die studentische Widerstandsgruppe Weiße Rose. Sie will das Wissen über sie vermitteln und zugleich jene Botschaft, die sich heute mit der Weißen Rose verbindet, zum Impuls für unsere demokratische Wertegemeinschaft werden lassen, die auf tolerante, freiheitsbewusste und verantwortungsbereite Menschen setzt.
Die ihr zur Verfügung stehenden materiellen Ressourcen sind vergleichsweise gering, und doch kann die Weiße Rose Stiftung e. V. eine beachtliche Wirkung entfalten. Dies ist nicht zuletzt zahlreichen Menschen zu verdanken, die sich mit großem Engagement beruflich oder ehrenamtlich in ihre Erinnerungsarbeit einbrachten und es weiterhin tun. Vom Vorbild der Weißen Rose berührt, wollen sie mitwirken ganz im Sinne Willi Grafs „Weitertragen, was wir begonnen haben“.

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[1] Thomas Mann lebte im amerikanischen Exil. Er war zu diesem Zeitpunkt unzureichend informiert, weshalb er von einem „österlichen Aufstand“ sprach und von „der Flugschrift, die sie verteilt haben und worin Worte stehen, die vieles gutmachen, was in gewissen unseligen Jahren an Universitäten gegen den Geist deutscher Freiheit gesündigt worden ist….“ Thomas Mann, Deutsche Hörer! Fünfundfünfzig Radiosendungen nach Deutschland, Leipzig, 1975, hier zit. nach Christian Ernst, Öffentliche Erinnerung an die „Weiße Rose“ im Ost-West-Vergleich, unveröffentlichte Arbeit, 2009, Bibliothek Weiße Rose Stiftung e. V.
[2] Einweihungsrede von Prof. Dr. Josef Pascher am 23. 2. 1961 (Universitätsarchiv)
[3] Näheres dazu in diesem Heft bei Andreas Heusler, Die Weiße Rose im Gedächtnis der Stadt. Wandel und Kontinuitäten des Gedenkens sowie Ernst, S. 41-43
[4] Aleida Assmann, Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München 2006, S. 27
[5] Willi Graf an seine Schwester Anneliese, 12. Oktober 1943, in: Briefe und Aufzeichnungen, hrsg. von Anneliese Knoop-Graf und Inge Jens, 2004, S. 200
[6] Bericht der Münchner Rundschau über die Veranstaltung, Stadtarchiv. Im Folgenden ebenda
[7] Vgl. Tätigkeitsbericht Weiße Rose Stiftung e. V. 2010
[8] Information Heinrich Kanz, Festredner bei der feierlichen Namensgebung
[9] 1949, Sächsische Zeitung, Artikel als Redematerial in der Mappe des VVN für Gedenkfeiern, zit. nach Christian Ernst, Öffentliche Erinnerung an die „Weiße Rose“ im Ost-West-Vergleich, unveröffentlichte Arbeit, 2009, Bibliothek Weiße Rose Stiftung e. V., S. 44
[10] zit. nach Ernst, S. 47/48
[11] Vgl. Achim Beyer, Zeitzeugenbericht, in: Materialien der Enquete-Kommission Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland, hrsg. vom Deutschen Bundestag, Band IV, S. 243-251
[12] abgedruckt in: Patrik von zur Mühlen, Der „Eisenberger Kreis“, Jugendwiderstand und Verfolgung in der DDR. 1953 – 1958, Bonn 1995, S. 231
[13] Marja Bitterer, Die Geschwister Scholl als Gegenstand schulischer Rezeption und Konstruktion, in: Martin Dust u.a., Pädagogik wider das Vergessen, 2000, S. 255 ff., S. 258
[14] Zeit online, 4. November 2010 sowie eigene Recherche
[15] Maja Bitterer, Die Geschwister Scholl als Gegenstand schulischer Rezeption und Konstruktion, S. 256
[16] zit. nach Tätigkeitsbericht WRS, 2009 und im folgenden ebenda
[17] Münchner Merkur, 14. Dezember 2009, „Die zeitlosen Vorbilder der Jugend“
[18] Im letzten Jahrzehnt legte die deutsche Geschichtsschreibung profunde Monografien und Biografien vor und löste mitunter kontroverse Debatten aus. Eine Auswahl – soweit nicht bereits genannt: Barbara Ellermeier: Hans Scholl. Biografie, 2012, Peter Normann Waage, Es lebe die Freiheit, Traute Lafrenz und die Weiße Rose, 2012, Maren Gottschalk, Sophie Scholl, 2012, Detlef Bald / Jakob Knab, Die Stärkeren im Geiste, 2012, Christiane Moll, Alexander Schmorell – Christoph Probst: Gesammelte Briefe, hrsg. und ausführlich eingeleitet , 2011, Barbara Beuys, Sophie Scholl, 2010, Wolfgang Huber, Kurt Huber vor dem Volksgerichtshof, 2009, Sibylle Bassler, Die Weiße Rose, Zeitzeugen erinnern sich, 2006, Sönke Zankel, Die Weiße Rose war nur der Anfang, 2006.
Erinnerungen der Zeitzeugen dokumentierte auch Katrin Seybold im Film: Die Widerständigen, 2009
[19] Michael Wyschogrod, Initiativen im Vorfeld der Gründung der Weiße Rose Stiftung, in: Erinnern und Erkennen. Festschrift für Franz Müller, 2004, S. 87ff., S.87, siehe dazu und im folgenden auch Britta Müller-Baltschun, Die Chronik der Weiße Rose Stiftung e. V., in: Festschrift für Franz Müller, S. 95ff.
[20] zit. nach Wyschogrod, S. 89
[21] Wyschogrod, ebenda.
[22] Britta Müller-Baltschun, Chronik, ebenda
[23] Schreiben Erich Schmorell, 17, März 1988, Akt Anneliese Knoop-Graf, Weisse Rose Stiftung e. V.
[24] Inge Aicher-Scholl an Erich Schmorell, 6. April 1988, Akt Anneliese Knoop-Graf
[25] Protokoll der Gründungsversammlung, Weiße Rose Stiftung e. V.
[26] Erich Schmorell, 17.März 1988, 12. April 1988, Briefe in Akt Anneliese Knoop-Graf. Was tatsächlich das Auseinanderfallen der Familien bewirkte, kann aus den bisher zugänglichen Unterlagen nicht erschlossen werden.
[27] Protokoll der Jahreshauptversammlung der Weiße Rose Stiftung e. V., 15.2.1992
[28] ebenda
[29] Diese nach und nach entstandenen Ausstellungen - jeweils sechs Tafeln – entstanden mit Unterstützung der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit.
[30] Igor Chramow, 1943 – zum 60. Jahrestag des Kriegsendes. Alexander Schmorell –Verhörprotokolle Februar bis März 1943, 2005. Seine Biografie über Alexander Schmorell wartet noch auf die deutsche Übersetzung. Die Familie Schmorell musste 1919 in den Wirren des Bürgerkrieges das Land verlassen. Alexander Schmorell, der mit einem russischen Kindermädchen in München aufwuchs, entwickelte für sich eine zweite, russische Identität.
[31] So sind im Tätigkeitsbericht 1995 von ihnen insgesamt 112 Termine in Schulen, bei Ausstellungen, Universitäten bzw. vor Jugendgruppen und 40 Interviews für Medien genannt, im Tätigkeitsbericht 1997 gar 122 sowie 35 Interviews; Franz Müller führte in diesem Jahr zusätzlich 76 Gespräch mit Gruppen und Einzelpersonen in der neuen DenkStätte
[32] Näheres zu den Schulprojekten auf der Homepage www.weisse-rose-stiftung.de bzw. in den Tätigkeitsberichten der letzten Jahre sowie dem „Netzwerk Weiße Rose“, ebenfalls auf der Homepage
[33] Vgl. dazu in diesem Heft die Aufsätze von Kirmeier, Kuchler und Schikorra
[34] Tätigkeitsbericht 1997 sowie im Folgenden die Tätigkeitsberichte ab 2001, die mit einem eigenen Abschnitt jeweils das Geschehen in der DenkStätte Weiße Rose Ulm dokumentieren.

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