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Es gilt immer wieder, Schritt fr Schritt auf dem Wege weiterzugehen, der sich einem aufdrngt. Du mut einfach Erkenntnisse suchen und durchdenken.

Willi Graf, 25.6.1942

Wanderausstellungen / Onkel Emil

Jdische Freunde

Nicht alle jdischen Freunde knnen gerettet werden.
Seit Beginn der Deportationen im Oktober 1941 hlt sich Margot Rosenthal kaum mehr in ihrer eigenen Wohnung auf. Sie bernachtet bei Ruth Andreas-Friedrich. Doch am 6. Dezember 1941 wartet diese abends vergeblich auf ihre Freundin. Zwei Tage spter erfhrt Ruth Andreas-Friedrich, Margot Rosenthal sei abgeholt und in ein Ghetto bei Landshut deportiert worden. Fnf Monate spter erhlt sie den letzten Brief ihrer Freundin aus dem schlesischen Ghetto Grssau (Kreszow).

Hugo Jacob, ein befreundeter Zahnarzt, taucht im Dezember 1942 mit seiner Familie in Berlin unter. Immer wieder wechseln sie das Quartier. Dann werden sie verhaftet. Eine Nachbarin hat die Familie denunziert.

Lies das, sagt Andrik, ins Zimmer tretend, und legt mir mit verzerrtem Gesicht ein zittrig beschriebenes Seidenpapierblatt auf den Tisch. Geliebte Freunde, entziffere ich mhsam. Nun hat mich das Unglck in seiner ganzen Wucht gepackt. Heute bin ich von Grau abtransportiert worden. Wohin...? Ich bin so krank und glaube nicht, dass ich das, was mir bevorsteht, berleben werde. Warum konnte dieser Kelch nicht an mir vorbergehen? Der Weggang innerhalb von achtundvierzig Stunden war herzzerreiend. Vierhundertundfnfzig Menschen, Rucksack, Rolle mit Schlafdecke und so viel Gepck, wie man tragen kann. Ich kann nichts tragen und werde eben alles am Wege liegen lassen. Das ist der Abschied vom Leben. Ich weine und weine. Lebt wohl fr immer und denkt an mich! Margot Rosenthal, stammle ich.
Ruth Andreas-Friedrich: Der Schattenmann, Tagebucheintrag, Berlin, 30. April 1942

1933 wird das Ullstein Verlagshaus arisiert und politisch gleichgeschaltet. Redakteure, die im NS-Sinne als Juden gelten, werden entlassen, so auch der Jurist und Redakteur Dr. Heinrich Mhsam, ein Kollege von Ruth Andreas-Friedrich. Am 1. April 1934 erhlt er die Mitteilung, als Schriftleiter nicht mehr tragbar zu sein.
Von Anfang an erkennt Heinrich Mhsam die Gefahr der nationalsozialistischen Politik. Sein Bruder Rudolf emigriert 1937 nach New York, seine Schwester Luise 1938 nach Australien. Immer wieder rt Ruth Andreas-Friedrich ihrem treuesten Freund, ins Exil zu gehen. Doch Heinrich Mhsam bleibt. Seine Heimat sei Deutschland.
Am 30. Juni 1942 wird Heinrich Mhsam gemeinsam mit seiner Mutter Paula Mhsam nach Theresienstadt deportiert. Am 10. Mai 1943 stirbt Paula Mhsam. Im November 1944 erhlt Ruth Andreas-Friedrich die Nachricht, Heinrich Mhsam sei nach Auschwitz deportiert und dort mit Giftgas ermordet worden.

So unvorstellbar ist das Grauen, dass die Phantasie sich strubt, es als Wirklichkeit zu begreifen. (...) Zwischen dem theoretischen Wissen und der Anwendung auf den Einzelfall gerade jenen Einzelfall, um den wir sorgen, bangen, uns vor Angst verzehren -, klafft eine unberwindbare Kluft. Es ist nicht Heinrich Mhsam, den sie in die Gaskammern schicken. Es knnen nicht Anna Lehmann sein, Margot Rosenthal oder Peter Tarnowsky, die unter den Peitschenhieben der SS ihr Grab schaufeln mssen. Uns ganz gewiss ist es nicht die kleine Evelyn. (...) wir erlauben unserer Einbildungskraft nicht, sie auch nur im geringsten damit in Zusammenhang zu bringen. Knnten wir denn weiterleben, wenn wir wirklich begriffen, dass unsere Mutter, unser Bruder, unsere Freundin, unser Geliebter fern von uns unter unfassbaren Leiden zu Tode gefoltert wurde? (...) Bitter sind Erkenntnisse dieser Art. Bitter und beschmend. (...) Die Kunde von der Massakrierung der Juden ging ber die ganze Erde. Ist einem einzigen deswegen sein Frhstck schlechter bekommen?
Ruth Andreas-Friedrich: Der Schattenmann, Tagebucheintrag, Berlin, 4. November 1944

Konrad Latte, jdischer Musiker aus Breslau, gehrt zu den wenigen Juden, die die NS-Zeit berleben.
Als die ersten Deportationen der jdischen Bevlkerung Breslaus beginnen, entscheidet er sich zur Flucht. Im Mrz 1943 nimmt er mit seinen Eltern den Zug nach Berlin. Dort erhalten sie sofort Hilfe von Pfarrer Harald Poelchau, der ihnen einen sicheren Unterschlupf und dem jungen Musiker eine Stelle als Aushilfsorganist an Kirchen und Krematorien vermittelt. Spter nimmt Konrad Latte Unterricht im Dirigieren bei Leo Borchard.
In einer todesmutigen Odyssee unter immer wieder wechselnden falschen Identitten gelingt es Konrad Latte, die Jahre der Verfolgung zu berleben zuletzt als arischer Kapellmeister auf Wehrmachtstournee.
1953 grndet er das Berliner Barockorchester, das er bis 1997 leitet. Aus Verbundenheit mit seinen Rettern bleibt er in Deutschland.

Wollen Sie es tatschlich wagen, hier zu bleiben? frage ich. Er sieht mich an. Wohin soll ich denn sonst? Unglcklichsein in Kanada? Entwurzelt in den Vereinigten Staaten? Verzweifelt vor Sehnsucht auf den Philippinen? Ganz davon abgesehen, dass mich weder die Philippinen noch die Vereinigten Staaten, geschweige denn das Auswandererparadis Kanada in ihren Scho aufnehmen wollen. Er (Heinrich Mhsam) lchelt. Es gibt einen Grad des Hierhergehrens, der jeden Fluchtgedanken ausschliet.
Ruth Andreas-Friedrich: Der Schattenmann, Tagebucheintrag, Berlin, 8. Juli 1939

Konrad kam Anfang September 1943 zu uns. Ein junger Musiker. Sehr hflich. Sehr scheu. Mit verwirrend schnen, umschatteten, blauen Augen. Niemand htte ihm zugetraut, dass er schon ein halbes Jahr im Untergrund lebte und es trotzdem riskiert hatte, sich ganz legal als Organist zu bewerben. Ein lebensgefhrliches Vabanquespiel.
Karin Friedrich: Zeitfunken. Biografie einer Familie

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