Geschwister-Scholl-Gymnasium in Pulheim vergibt erstmals den „Geschwister-Scholl-Preis – von hier aus“
"Wir bitten Sie, dieses Blatt mit möglichst vielen Durchschlägen abzuschreiben und weiterzuverteilen." Dieser Satz auf einem der Flugblätter der Weißen Rose ist für das Geschwister-Scholl-Gymnasium seit Beginn der Gründung im Jahre 1969 Vermächtnis und Auftrag gleichermaßen. So besteht dann auch das Leitbild der Schule aus den drei Begriffen "Fundierte Bildung, Soziale Kompetenz und Zivilcourage".
Auf vielfältige Weise sind das Kollegium, die Schüler- und Elternschaft sowie die Schulleitung darum bemüht, im schulischen Alltag und darüber hinaus Zivilcourage sowie soziales und gesellschaftliches Engagement zu fördern.
Beispiele hierfür gibt es viele...
So lädt die Schule seit vielen Jahren regelmäßig Zeitzeugen ein, die über ihre Erfahrungen mit der NS-Diktatur, aber auch mit anderen Formen von Totalitarismus und Unterdrückung berichten. Die Besuche dieser Personen ermöglichen Kindern und Jugendlichen die authentische und direkte Begegnung mit Menschen, die auf ganz unterschiedliche Weise mutig und mit Courage extremen Belastungen durch Verfolgung und Unterdrückung standgehalten haben. Einige Beispiele aus den vergangenen Jahren:
Anneliese Knoop-Graf, die Schwester von Willy Graf, einem Mitglied der Widerstandsgruppe Weiße Rose
Gertrud 'Mucki' Koch, Mitglied der Kölner Edelweißgruppe
Anita Lasker-Walfisch, die als Musikerin im Orchester von Ausschwitz das KZ überlebte
Hellmut Stern, der als jüdisches Kind vor den Nationalsozialisten flüchtete und später als Geiger bei den Berliner Philharmonikern nach Deutschland zurückkehrte
Tamar Dreifuß, die als jüdisches Mädchen zusammen mit ihrer Mutter der drohenden Ermordung durch die Nationalsozialisten aus dem Ghetto in Wilna entkam und heute in Pulheim lebt
China Keitetsi, die als Kindersoldatin unter größten Gefahren aus Uganda flüchtete und sich quer durch Afrika kämpfte, um endlich nach Dänemark ausreisen und dort politisches Asyl bekommen zu können
Elias Bierdel, der sich als Vorsitzender von Cap Anamur für die Rettung von in Seenot geratenen afrikanischen Flüchtlingen im Mittelmeer einsetzte und dafür von den italienischen Behörden angeklagt wurde
Aktiv 'eingemischt' haben sich viele Schülerinnen und Schüler des Geschwister-Scholl-Gymnasiums bei den Aktionstagen "Hinschauen, Courage zeigen" im Sommer 2007. Anlass für dieses Projekt waren die Aktivitäten einer rechtsextremen Gruppe in und um Pulheim mit dem Namen 'Autonome Nationalisten'. Immer wieder gab es Schmierereien und Aufkleber mit rechtsextremen und nationalsozialistischen Parolen, teilweise wurden Jugendliche massiv bedroht und eingeschüchtert. Mit Kunstaktionen, Konzerten, Workshops und einer Podiumsdiskussion mit Experten und Betroffenen gelang es den Schülerinnen und Schülern des Geschwister-Scholl-Gymnasiums, die Politik und die Öffentlichkeit auf dieses Problem aufmerksam zu machen. Besonders öffentlichkeitswirksam war die künstlerische Gestaltung mehrerer großer Werbetafeln im gesamten Pulheimer Stadtgebiet, mit der Schülerinnen und Schüler für Zivilcourage warben. Fotos der Kunstaktion sowie die Presseberichte über die Aktionstage 2007 sind auf der Homepage des Geschwister-Scholl-Gymnasiums dokumentiert (http://www.scholl-gymnasium.de). Die Aktionstage "Hinschauen, Courage zeigen" zeigten ihre Wirkung: Mittlerweile gibt es zahlreiche Ermittlungen und Strafverfahren gegen Personen aus dem rechtsextremen Milieu, außerdem hat sich mit dem 'Netzwerk Buntes Pulheim' eine kommunale Initiative gegründet, in der sich Schulen, Vereine, Kirchen und Parteien gemeinsam für ein solidarisches Miteinander und gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit engagieren (http://www.netzwerkpulheim.de/). Die SV des Geschwister-Scholl-Gymnasiums schließlich hat sich zum Ziel gesetzt, für die Schule das SOR-Zertifikat ('Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage') zu erwerben. Die erforderliche Zahl von Unterschriften ist bereits vorhanden, nun wird noch eine prominente Person als Patin oder Pate für das Projekt gesucht.
Jüngstes Vorhaben zum Thema Zivilcourage ist der "Geschwister-Scholl-Preis - von hier aus". Hiermit möchte die Schule das Engagement von Einzelpersonen sowie von Gruppen und Teams würdigen, die sich in besonderer Weise um Zivilcourage, für ein soziales Miteinander bzw. um eine konstruktive Konfliktkultur bemühen. Dabei geht es nicht immer nur um die auffälligen und öffentlichkeitswirksamen Aktionen, sondern auch um Querdenken, Zivilcourage und gewaltfreie Veränderung im Alltag: Streit schlichten, ungewöhnliche Ideen mutig umsetzen, den Dialog zwischen den Generationen, Religionen, Geschlechtern fördern, Teamarbeit konstruktiv gestalten - das sind nur einige Beispiele für vorbildliches Verhalten, das durch den Preis gewürdigt werden soll. Der Preis wird mit 500,-¤ dotiert sein und jährlich von einer Kommission aus Schülern, Eltern und Lehrern vergeben werden. Am 27. August wird der Geschwister-Scholl-Preis zum ersten Mal feierlich verliehen werden. Die Schule konnte hierfür Frau Anneliese Knoop-Graf gewinnen, die als Mitglied der Stiftung Weiße Rose das Geschwister-Scholl-Gymnasium besuchen und den Preis überreichen wird. Nähere Informationen zum Preis "von hier aus" finden sich in einem eigens dafür gestalteten Faltblatt.
(Andreas Niessen)