Nazis und Neonazis

Montag, 28. April 2008, 13:25 Uhr

Die Willi-Graf-Realschule Saarbrücken nimmt das Erbe ihres Namens ernst – und verbindet damit stets die Auseinandersetzung mit dem heutigen Rechtsradikalismus.

„Wenn man ein Nazi ist, dann hatte man einen Befehl auszuführen. Wenn man ein Neonazi ist, dann wird man irgendwann zum Mörder.“ So ein Satz sitzt. Vor allem, wenn er von einem ehemaligen KZ-Häftling stammt, der weiß, wovon er spricht. Adolf Burger hat Auschwitz und Sachenhausen nur überlebt, weil er als Fälscher von Banknoten für die Nationalsozialisten nützlich war. Auf seiner Lebensgeschichte basiert der Oskar-prämierte Film „Die Fälscher“. Die Willi-Graf-Realschule Saarbrücken nimmt ihren Namen ernst. Das Zeitzeugen-Gespräch war erst vor zwei Wochen. Zuvor hatten Schüler zusammen mit der Schulleiterin eine Ausstellung über die „Weiße Rose“ erarbeitet. Bei der Eröffnung waren keine Geringeren als der saarländische Ministerpräsident Peter Müller und die Schwester von Willi Graf, Anneliese Knoop-Graf, dabei.

Ehemaliger KZ-Häftling Adolf Burger besuchte Willi-Graf-Schulen

Die Aula der Willi-Graf-Schulen ist an diesem Morgen bis zum letzten Platz mit Schülern der 10. und 11. Klasse besetzt. Ein älterer aber kaum ergrauter Mann mit einem hellblauen Hemd steht seit vier Sunden vor einer Pinnwand mit kopierten Dokumenten, hält das Mikro fest in der Hand und redet. Er scheint unermüdlich, setzt sich nie, redet unaufhörlich in fast akzentfreiem Deutsch und hebt dabei gelegentlich die Stimme, um bestimmte Sätze besonders hervorzuheben, z. B. „Wenn man ein Nazi ist, dann hatte man einen Befehl auszuführen. Wenn man ein Neonazi ist, dann wird man irgendwann zum Mörder...“. Mit diesen Sätzen beeindruckt er die Zuhörer mindestens genauso wie mit seiner Lebensgeschichte.

Adolf Burger, geboren in der Slowakei, ist heute 91 Jahre alt und hat das unvorstellbare Leiden in den Konzentrationslagern von Auschwitz und Sachsenhausen überlebt, da er als Fälscher von Banknoten den Nazis von Nutzen war. Er hat seine Erlebnisse in einem Buch unter dem Titel „Des Teufels Werkstatt“ veröffentlich, welches wiederum als Vorlage für den mit dem Oscar prämierten Film „Die Fälscher“ diente. Die Exemplare des Buches, die er zum Verkauf anbietet, um aus dem Erlös die Übersetzungen in verschiedene Sprachen zu finanzieren, sind nach wenigen Minuten ausverkauft. Das Buch widmet er auf den ersten Seiten seiner Frau, die durch eine einfache Handbewegung eines SS-Aufsehers bei der „Selektion“ an der Rampe in Auschwitz in den Tod befohlen wurde. Ob er selbst nie an Selbstmord gedacht habe, wollen die Schüler wissen. Nein, dazu war es ihm zu wichtig seit fast nun dreißig Jahren den Menschen zu berichten, was er gesehen und erlebt hat. „Wir 144 Häftlinge des Fälscherkommandos lebten in Sachsenhausen in einem goldenen Käfig. Wir hatten genug zu essen, Lederschuhe und saubere Kleidung und wurden gut behandelt. Wir spielten sogar Tischtennis mit den SS-Leuten und organisierten eine Silvester-Revue - und das im KZ. Aber als Geheimnisträger waren wir so gut wie tot. Wir waren ja auch nur Juden: Auf uns kam es ja nicht an.“ Die Geheimnisse verrät Herr Burger heute den Schülern samt den Details zur Herstellung einer Blüte, die so perfekt war, dass selbst die Banken das Original nicht von der Fälschung unterscheiden konnten.

Am Ende des Krieges wurde Herr Burger aus Versuchszwecken mit Typhus infiziert und wog nur noch 40 Kilo, aber sein Überlebenswille war so groß, dass er durchkam. Diese Lebendigkeit ist es vor allem, die auch heute noch großen Eindruck auf die jungen Zuhörer macht. Sie haben keine gewöhnliche Geschichtsstunde erlebt, sondern einen Menschen, der Geschichte verkörpert.

„Ihr habt keine Schuld, denn ihr habt die Verbrechen ja nicht begangen,
aber sorgt dafür, dass in Deutschland die Neonazis nicht stärker werden“.
Dieser Appell an die Zuhörer ist an diesem Morgen sicher angekommen.

Riesiges Engagement im Willi-Graf-Projekt
Schüler der Willi-Graf-Realschule erarbeiten mit ihrer Schulleiterin eine Ausstellung zur „Weißen Rose“

Mit ihrer Zusage, die Willi-Graf-Ausstellung zu eröffnen, haben der bischöfliche Generalvikar Dr. Georg Holkenbrink, der saarländische Ministerpräsident Peter Müller und Frau Dr. h. c. Anneliese Knoop-Graf, die 86jährige Schwester von Willi Graf, den Schülerinnen und Schülern der Willi-Graf-Realschule eine besondere Wertschätzung ihres Engagements entgegengebracht.

Eine Schülergruppe der Klassenstufe 10 hat sich in ihrer Freizeit mit der Widerstandsgruppe der „Weißen Rose“ und insbesondere mit der Lebensgeschichte des Namensgebers der Schule, Willi Graf, befasst. Geleitet wurde das Projekt von Realschulrektorin i. K. Helene Neis und betreut von Susanne Schmidt, die im Adolf-Bender-Zentrum St. Wendel für den Bereich der Jugendarbeit zuständig ist.
Die Ergebnisse der Projektgruppe wurden nun in Form einer Ausstellung im Rahmen des Gedenktages an die Opfer des Nationalsozialismus zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt.

15 Jugendliche im Alter von 15 bis 17 Jahren haben im letzten halben Jahr sehr viel Freizeit investiert, um sich mit dem Nationalsozialismus, dem Widerstand der „Weißen Rose“ und mit heutigem Rechtsradikalismus auseinander zu setzen.

Anlass des Projektes war zunächst die Willi-Graf-Ausstellung der Schule, die dringend neu gestaltet und neuen Sehgewohnheiten angepasst werden musste. Bildmaterial wurde zusammengetragen, darunter auch private Fotos von Willi Graf, die seine beiden Schwestern Mathilde und Anneliese dankenswerterweise den Willi-Graf-Schulen in Saarbrücken zur Verfügung gestellt haben. In Gruppen wurden dann Vorschläge zum Inhalt und der Form der Bildtafeln diskutiert. Schulleiterin Helene Neis: „Besonders beeindruckt war ich von der Teamfähigkeit der Jugendlichen, die sich auch sehr positiv auf den Unterricht ausgewirkt hat.“ Der lange Atem der Schülerinnen und Schüler ist bewundernswert. An Samstagen haben sie bei ihrer Arbeit am Projekt die Zeit vergessen und sind meist bis abends dageblieben, um ihren Texten noch den letzten Schliff zu geben. Frau Susanne Schmidt vom Adolf-Bender-Zentrum hat die Projektgruppe fachlich beraten, etwa bei der Erstellung des Layouts. Durch die gemeinsamen Nachmittage ist die Gruppe immer enger zusammengewachsen. Besondere Freude fanden Marie und Sarah daran, dass ihre Schulleiterin ihnen persönlich den Kaffee gekocht und sie mit Schokolade gestärkt hat. Sebastian resümiert: „Wir haben uns mit verschiedenen Aspekten des Nationalsozialismus auseinandergesetzt. Wichtig war uns zu ergründen, warum junge Menschen wie Willi Graf und seine Freunde ihr Leben geopfert haben für die Freiheit der anderen.“ Der heutige Bezug zur rechtsradikalen Szene hat ein vom Adolf-Bender – Zentrum gedrehter Film „Falsche Freunde“ hergestellt und der Film „Faustrecht“ animierte die Schüler über Zivilcourage nachzudenken. Selbstverständlich standen auch die Produktionen „Die Weiße Rose“ und „Sophie Scholl – die letzten Tage“ auf dem Programm. Den Anderen, den Fremden kennen zu lernen, damit sich Auschwitz nicht mehr wiederholen kann. Das war die Devise, sich mit der jüdischen Gemeinde von Saarbrücken damals und heute zu beschäftigen.

Noch ist das Projekt nicht abgeschlossen, denn geplant ist eine Wanderausstellung mit audio-visuellen Medien. „Zum Abschluss wollen wir eine Fahrt zur Willi-Graf-Ausstellung nach München machen, wenn es die Zeit noch zulässt. Immerhin stehen die Schülerinnen und Schüler kurz vor ihren Abschlussprüfungen“, sagt Helene Neis. Dieses Bonbon würde sie den Jugendlichen gerne noch ermöglichen, denn die meisten haben sich zusätzlich noch in anderen Projekten der Schule engagiert, z.B. in Konzerten, in einem Hörspiel, in einem selbst gedrehten Film, in Wettbewerben usw. Die Schulleiterin hat bereits Kontakte zum Willi- Graf-Gymnasium in München geknüpft, um den Schülern eine Übernachtung zu ermöglichen.

Ausstellungstafeln: www.willi-graf-schulen.de/tafeln_ausst.htm

Zeitungsbericht aus der Saarbrücker Zeitung vom 9.2.07

Homepage Willi-Graf-Realschule Saarbrücken: www.willi-graf-schulen.de



http://www.weisse-rose-stiftung.de/netzwerk/public_html/article.php?story=20080428132503302