Spuren suchen - Spuren finden

Dienstag, 29. April 2008, 09:42 Uhr

Das Gymnasium Alstertal aus Hamburg befasst sich seit Jahren mit der jüdischen Geschichte. Das Ergebnis: Stolpersteine und ein Preis

„Für das Innehalten und Erinnern – gegen das Wegschauen und Vergessen“. Unter diesem Motto hat sich das Gymnasium Alstertal aus Hamburg auf die Suche nach jüdischem Leben in Fuhlsbüttel gemacht. Die Schülerinnen und Schüler sind fündig geworden. Sie fanden mehr Spuren, als sie ahnten. Und sie ermöglichten die wohl umfangreichste Stolperstein-Verlegung in Hamburg. Für das langjährige Engagement der Schüler und Lehrer erhielt das Gymnasium den Bertini-Preis. Die Schule will erinnern, sie will aufklären, damit neonazistische Aktionen keine Chance haben.

Stolpersteine in Fuhlsbüttel
Für das Innehalten und Erinnern - gegen das Wegschauen und Vergessen

"Hier in Fuhlsbüttel wohnten 39 Menschen, von denen wir wissen, dass sie Opfer des schrecklichen Naziregimes wurden", so steht es in einem Aufruf, mit dem die 21 Oberstufenschüler/innen des GK Bildende Kunst um Spenden für 39 Stolpersteine baten - für jeden gefundenen Namen einen Stein.

Sammelaktionen für die Finanzierung der Stolpersteine wurden gemeinschaftlich vom Gymnasium Alstertal, der Willi-Bredel-Geschichtswerkstatt e.V. und der Kirchengemeinde St. Lukas durchgeführt. Viele großzügige Spender/innen ermöglichten die Finanzierung dieser wohl umfangreichsten Stolperstein-Verlegung in Hamburg, die vom Initiator der Aktion, dem Kölner Künstler Gunter Demnich, eingesetzt wurden. Am 27. Oktober 2005 wurden die fünf Stolpersteine im Brombeerweg 47 und die 34 Stolpersteine im Kurzen Kamp 6 zusammen mit Angehörigen der Opfer und Cantor Arieh Gelber (Jüdische Gemeinde Hamburg) eingeweiht. Im Anschluss daran fand eine Einweihungs- und Gedenkfeier im Gemeindehaus der Kirchengemeinde St. Lukas statt, auf der u.a. Schüler/innen des Gymnasiums Alstertal Stationen des Leidens vortrugen.

Damit das Gedenken weiterhin wachgehalten wird, findet jährlich am JOM HA SHOAH , dem nationalen Gedenktag in Israel für die Opfer der Shoah, ein Treffen bei den Stolpersteinen statt, bei dem diese Steine auch gereinigt werden. Es können Patenschaften für die Stolpersteine übernommen werden.

 

 

 

Bertinipreis 2004
Das Gymnasium Alstertal erhält wieder den Bertinipreis.

Die folgende Kurzfassung der Projektbeschreibung, ergänzt durch aktuelle Neuigkeiten, soll zeigen, wofür die 21 Schüler/innen des GK Bildende Kunst S1, Herr Brockmann und Frau Löhr diese Auszeichnung erhalten haben:

"Das habe ich mir so nicht vorstellen können"
- 7 Schritte einer Spurensuche in Fuhlsbüttel -

Wir haben uns daran gemacht, die fehlenden Seiten des Mitteilungsbuches des Gymnasiums Alstertal aus dem 2. Weltkrieg und der Nachkriegszeit zu rekonstruieren. Wenn wir auch das Projekt noch nicht abgeschlossen haben, so haben wir bereits eine ganze Menge erreicht:

  1. VISUELLE LESUNG
    Am 12. August 2004 gestalteten wir in unserer Schule eine Lesung im Rahmen einer Veranstaltung mit dem Zeitzeugen Ivar Buterfas. Hier bot sich uns das erste Mal die Gelegenheit, in der Aula einer größeren Schulöffentlichkeit die Tonkachelwand aus der St. Lukaskirche vorzustellen.
  2. STOLPERSTEINE in Fuhlsbüttel
    "Hier in Fuhlsbüttel wohnten 38 Menschen, von denen wir wissen, dass sie Opfer des schrecklichen Naziregimes wurden", so steht es in einem von uns verfassten Aufruf, mit dem wir um Spenden für 38 Stolpersteine bitten - für jeden gefundenen Namen einen Stein. Sie sollen vom Initiator der Aktion, dem Kölner Künstler Gunter Demnig, an Ort und Stelle eingesetzt werden.
  3. Befragung von ZEITZEUGEN
    Auf dem Stadtteilfest vor der Lukaskirche trafen wir zwei Zeitzeuginnen, die uns von Misshandlungen und den Morden an Menschen berichteten, die in Kola - Fu inhaftiert waren bzw. als Zwangsarbeiter durch Fuhlsbüttel getrieben wurden. Außerdem trafen wir eine ehemalige Schülerin der Lichtwarkschule, die an einem Lesekreis teilnahm, den die Lehrerin Erna Stahl für Schülerinnen und Schüler organisierte. Aus diesem Lesekreis ging später der sog. Hamburger Zweig der "Weißen Rose" hervor. Erna Stahl wurde später an das Gymnasium Alstertal zwangsversetzt und wurde nach dem Krieg unsere erste Schulleiterin. Durch die Befragung weiterer Zeitzeugen erfuhren wir viel Interessantes aus dem Schulalltag in Fuhlsbüttel. Inzwischen ist daraus ein kleiner Videofilm entstanden, den wir u.a. dem Museum im Torhaus des ehemaligen Kola-Fu anbieten wollen.
  4. Gedenktafeln GARTEN DER FRAUEN
    Bei unseren Recherchen fanden wir auf dem Ohlsdorfer Friedhof die Grabstätten von Erna Stahl und ihrer ehemaligen Schülerin Margaretha Rothe und stießen dabei auf den GARTEN DER FRAUEN, einem Gedenkgartens zu Ehren Hamburger Frauen, die verfolgt wurden, im Widerstand waren oder in den Bereichen Politik, Bildung, Soziales und Kultur Besonderes leisteten.
    Ein von der Schülergruppe entworfener Erinnerungsstein wird gegenwärtig von einem Bildhauer angefertigt. Im Juni werden wir die biographischen Erinnerungstafeln zusammen mit dem Margaretha Rothe Gymnasium feierlich einweihen.
  5. SCHULARCHIV und SCHULCHRONIK
    Ziel unserer Arbeit ist es, die "Schulchronik des Gymnasiums Alstertal", die vor einigen Jahren in Form einer großformatigen Dauerausstellung erstellt wurde, um den Zeitraum nach 1933 zu erweitern und diesen Teil der Schulgeschichte der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
  6. EIGENE GESCHICHTE
    Durch diese Aktivitäten angestoßen und neugierig geworden, haben einige von uns mit Eltern, Großeltern und im Verwandtenkreis über das Projektthema gesprochen - mit interessanten Ergebnissen, die wir dokumentieren.
  7. Wir wollen neonazistischen Aktivitäten entgegentreten.
    Während unserer Arbeit erfuhren wir davon, dass Mitglieder der rechts-extremen Szene auch in Hamburg dazu übergehen, CDs kostenlos an Schulen und Jugendeinrichtungen zu verteilen. Mit Musikstücken, die Neonazi-Anschauungen transportieren und Feindbilder vermitteln, soll offensichtlich versucht werden, solche Einstellungen hoffähig zu machen. Wir möchten am Gymnasium Alstertal und an umliegenden Schulen mit einem Flyer über solche Aktivitäten aufklären, damit sich unsere Mitschüler/innen kritisch mit neonazistischen Inhalten und Haltungen auseinander setzen können.

(Verkürzte Projektbeschreibung für die Bewerbung des GK Bildende Kunst S1 um den Bertini-Preis 2004)

Homepage: www.gymnasium-alstertal.hamburg.de



http://www.weisse-rose-stiftung.de/netzwerk/public_html/article.php?story=20080429094255649