Lust auf Politik

Mittwoch, 14. Mai 2008, 12:31 Uhr

Mit dem Projekt „Carpe Diem“ nutzt die Willi-Graf-Schule St. Ingbert den Tag auf ihre Weise – mit Politikern. Um neugierig auf die meist ungeliebte Politik zu machen, wurden allerdings nur interessante Volksvertreter eingeladen

Demokratie braucht Menschen, die sich engagieren. Doch das Interesse an Politik ist nicht besonders groß. Politiker sind meist unbeliebt. Viele wirken unglaubwürdig und unehrlich. Politikverdrossenheit, ja Politikerverdrossenheit sind die Folge – auch bei vielen Schülerinnen und Schülern, bei den Wählern von morgen also. Um dem entgegenzuwirken, hat man sich im Saarland etwas Besonderes ausgedacht: das viermonatige Projekt „Carpe Diem“, an dem sich neben zwei andern Schulen auch die Willi-Graf-Schule St. Ingbert beteiligte. Immer wieder werden Politiker eingeladen, die besonders sind, die Stärke zeigen, Persönlichkeit besitzen und Authentizität. Leute wie Heiner Geißler von der CDU etwa. Oder Luc Jochimsen von der Partei „Die Linke“.

Die Willi-Graf-Schule in St. Ingbert ist ein Berufsbildungszentrum mit rund 2000 Schülern. Neben den Berufsschulen im technischen, im sozialpflegerischen und im kaufmännischen Bereich umfasst das Berufsbildungszentrum Berufsfachschulen, Fachoberschulen sowie die Berufsgrundschulen, auch hier jeweils getrennt nach technischem, sozialpflegerischem und kaufmännischem Bereich. Zur Willi-Graf-Schule gehört auch ein Berufliches Gymnasium.


1. „Carpe Diem“: das Projekt

Der Grundgedanke dieses Projektes ist, junge Menschen – Erstwähler und potentielle Erstwähler – mit solchen Politikern in Dialog und Auseinandersetzung zu bringen, die Stärke, Persönlichkeit, Authentizität ausstrahlen. Ziel ist es, interessante Politiker aller Parteien zu zeigen, also positive Beispiele zu präsentieren, die bei den jungen Menschen Neugierde auf Politik wecken, die Zutrauen in Volksvertreter geben und die Lust machen, sich in politisches Geschehen einzumischen.

Dies ist von großer Wichtigkeit und existenzieller Bedeutung für unser Land, denn Demokratie braucht Menschen, die sich engagieren, die sich einmischen, die mit – auch kritischem - Interesse verfolgen, was Politiker tun. Gerade junge Menschen sind gefordert, wachsam zu sein und notfalls mit den gewählten Volksvertretern zu streiten. Es ist notwendig, dass die Bürger zur Wahl gehen, dass sie sich aber auch vor Ort, in der Kommunalpolitik oder im Gemeinwesen engagieren.


2. Ausgangspunkt

Die Landschaft der Parteien, die in der Zeit nach dem Krieg ein Garant der Demokratie in Deutschland war, wird in den letzten Jahren immer unübersichtlicher. Einerseits nähern sich die Parteien von ihren Standpunkten immer mehr einander an und ringen um die politische Mitte. Andererseits zeigen sie sich in der konkreten Auseinandersetzung bei Sachthemen dann doch eher dogmatisch. Weniger die der Problemlage angemessenen Lösung bestimmt die inhaltliche Debatte, oft geht es um oppositionelles Gehabe oder um Machtdemonstration der gerade Regierenden. Wider besseres Wissen werden Positionen kritisiert, die, wäre man selbst an der Macht, eher noch härter verfolgen würden. Dies gilt für alle Parteien und viele Politiker.

Das Ergebnis ist Unglaubwürdigkeit. Unglaubwürdigkeit der Politiker, der Parteien, der inhaltlichen Positionen. Die Handelnden wirken nicht ehrlich, Strategie scheint vieles zu dominieren, Motive scheinen vorgeschoben. Es fehlt an Authentizität.
Aber: Was ist ein authentischer Politiker?
Was ist Moral und Ethik im politischen Handeln? Und woran ist dies zu erkennen? Was ist gespielt und inszeniert, was ist ehrlich und stimmig? Was wird gerade von jungen Menschen als authentisch wahrgenommen? Wonach beurteilen sie einen Politiker?

Wenn der moralische Konsens einer Gesellschaft mehr und mehr fragil wird, kann eine neue moralisch-inhaltliche Klammer oft über Personen, die für eine Sache einstehen, hergestellt werden. Charismatische Personen, die einen ganz persönlichen Konsens ausdrücken, gewinnen an Bedeutung, Authentizität füllt diesen Leerraum. Persönlichkeiten werden attraktiv, die für etwas einstehen, das über Eigennutz hinausgeht, die also „wahrhaftig“ agieren. Politiker, die den Jugendkult imitieren, werden häufig nicht als authentisch erlebt. Politiker dagegen, die für große Ideen unverdrossen einstehen, die meinen, was sie sagen, die vor allem Inhalte repräsentieren und dafür auch bereit sind, den Machtverlust zu riskieren, füllen diese Lücke am ehesten aus.


3. Ziel des Projektes

Aufgabe der politischen Bildung ist es, die propagierten Entwürfe und die sie propagierenden Menschen auf Wahrhaftigkeit, auf Authentizität zu untersuchen. Es ist notwendig, den Blick junger Menschen darin zu schärfen, dass die erkennen, ob ein Mensch authentisch ist oder ob er nur so spielt. Die Analysen des Wahlverhaltens deuten darauf hin, dass die Orientierung an integeren, charismatischen und authentischen Personen immer wichtiger wird. Gehen Menschen überhaupt noch wählen, so sind oft Auftreten und Überzeugungskraft eines Politikers auslösend.

Gesucht werden Personen,

Ziel dieses Projektes ist es, junge Menschen – Erstwähler und potentielle Erstwähler – mit solchen Politikern in Dialog und Auseinandersetzung zu bringen, die Stärke, Persönlichkeit, Authentizität ausstrahlen.


4. Projektverlauf

In diesem über vier Monate angelegten Projekt wurden Schüler an insgesamt drei Schulen des Saarlandes in Dialog und Auseinandersetzung mit Politikern gebracht, die Stärke, Persönlichkeit, Authentizität ausstrahlen. Zwölf hochrangige Politiker, darunter Heiner Geißler (ehemaliger CDU-Generalsekretär), Jean-Claude Juncker (Premierminister von Luxemburg und Europapolitiker), Christian Wulff (Ministerpräsident von Niedersachsen), Matthias Platzeck (Ministerpräsident von Brandenburg und ehemaliger SPD-Bundesvorsitzender) und Renate Künast (ehemalige Verbraucherministerin) wagten den Schritt in die Schulen und stellten sich dort den kritischen Fragen der Schüler. Das Verhalten, die politische Arbeit und die Standpunkte der Politiker wurden von den Schülern gründlich unter die Lupe genommen und auf Glaubwürdigkeit untersucht.

Über jeden dieser Politiker wurde von einem Filmteam ein 15minütiger Dokumentarfilm gedreht, in dem es um den Werdegang, die Motivation, Politik zu machen, den Politikschwerpunkt und prägende Ereignisse ging. Die Schüler führten zu jedem dieser Politiker zusätzlich eine intensive Internetrecherche durch und schauten sich dann den jeweiligen Dokumentarfilm an. Daraufhin versuchten die Schüler in einer Diskussion die Authentizität des vorgestellten Politikers zu beurteilen. Insgesamt drei dieser zwölf Politiker kamen schließlich an die teilnehmenden Schulen, um sich den Schülern in dieser Diskussion zu stellen.

Zu den Schülerinnen und Schülern der Willi-Graf-Schule kamen Heiner Geißler (ehemaliger Generalsekretär der CDU), Silvana Koch-Mehrin (FDP-Mitglied des Europäischen Parlaments) und Luc Jochimsen (Kulturpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Die Linke).


Heiner Geißler (Mitte) steht Rede und Antwort.


Luc Jochimsen (dritte von rechts) mit Schülerinnen und Schülern der Willi-Graf-Schule St. Ingbert.

Am Ende des Projektes fuhren die Schüler drei Tage nach Berlin, um die teilnehmenden Politiker an ihrem Arbeitsplatz zu besuchen und noch einmal dort zu diskutieren.


5. Erfahrungen

Die Schüler hatten bis zu diesem Projekt keinen direkten Kontakt mit der Politik. Ihr Bild war vor allem durch das Fernsehen bestimmt. Ein Brainstorming zu Beginn des Projektes ergab ein kritisch-distanziertes Verhältnis der Schüler zu Politik und Politikern. Sie erlebten Politik vielfach als Enttäuschung (Skandale, Machtpoker, Eigennutz). Einzelne Ereignisse, die in den Medien hochgespielt werden, dominierten das Bild. Durch die Dokumentarfilme erhielten die Schüler vor allem Informationen, die aus den Medien gar nicht hervorgehen sowie ganz neue Blickwinkel.

Reaktionen der Schülerinnen und Schüler:

Der gesamte Verlauf des Projektes wurde durch ein Filmteam begleitet. Daraus ist ein Dokumentarfilm entstanden, der bei der Bundeszentrale für politische Bildung bestellt werden kann.

Markus Lupp (für das Projekt zuständiger Lehrer der Willi-Graf-Schule)

Homepage der Schule: www.bbz-igb.de
Link zur Seite „Carpe Diem“ mit Film- und Hörproben: www.carpediem-filmproduktion.de
Link zum Politikerprojekt: www.politikerportraits.de



http://www.weisse-rose-stiftung.de/netzwerk/public_html/article.php?story=20080514123120758