Netzwerk Weiße Rose   Zitat Dr. Richard Wizsäcker

Rechts um - und ab durch die Mitte

  

Das Geschwister-Scholl-Gymnasium Pulheim eröffnet zum Jahrestag des Kriegsendes trotz massiver Proteste von Rechtsradikalen eine Ausstellung über Rassismus und Antisemitismus

Ausnahmezustand in Pulheim: Während ein Überwachungshubschrauber über der Stadt kreist, zeigt die Polizei in der Innenstadt massive Präsenz. Rechtsradikale hatte zur Demonstration aufgerufen. Der Grund: Im Raum 49 des Geschwister-Scholl-Gymnasiums wurde die Ausstellung „Rechts um – und ab durch die Mitte“ eröffnet – am Jahrestag der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht und des Endes des Zweiten Weltkrieges. Die Ausstellung informiert über Rassismus und Antisemitismus. Das war den Rechtsradikalen ein Dorn im Auge. Sie drohten mit Protesten. Die Schulleitung berief eine Krisensitzung ein: Eine Woche später wurde die Ausstellung schließlich eröffnet – mit großer Resonanz.

Den Netzwerkern der Weiße Rose Stiftung e.V. ist das Pulheimer Gymnasium schon bekannt: Am 18. März präsentierte die Schule ihr Leitbild und ihre vielfältigen Aktivitäten unter dem Motto: „Hinschauen – Courage zeigen“.
Übrigens: Am 20. Juni erhält das Geschwister-Scholl-Gymnasium den Titel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“.




Schulleiter Andreas Niessen begrüßte 300 Besucher bei der Informationsveranstaltung im Geschwister-Scholl-Gymnasium.


Sie halfen bei der Realisierung der Veranstaltung (v.l.n.r.): Hans von Loeben, Hannes Loh, Adam Bolog, Renate Bonow, Josef Schuy und Andreas Niessen.


Rechtsradikale Parolen an einer Autobahnbrücke bei Pulheim.

8. Mai 2008, Raum 49 des Geschwister-Scholl-Gymnasiums: Vertreter der Schule, des Jugendclubs "Courage" und des Netzwerkes "Buntes Pulheim" eröffneten die Ausstellung "Rechts um - und ab durch die Mitte". Hans-Peter Killguss war als Gastreferent eingeladen. Der Mitarbeiter der Informations- und Bildungsstelle gegen Rechtsextremismus der Kölner NS-Dokumentationsstelle informierte seine Zuhörer über die verschiedenen Gruppierungen der rechtsextremen Szene.

"Die 'Autonomen Nationalisten Pulheim' haben vor kurzem zu dieser Demonstration gegen die Ausstellung aufgerufen, die über Rassismus und Antisemitismus informiert", sagte Hannes Loh, Lehrer für Deutsch und Geschichte an dem Gymnasium. Aufgrund der jüngsten Krawalle durch Rechtsradikale in Hamburg seien die Verantwortlichen der Schule besorgt gewesen. "Wir wussten nicht, ob wir die Sicherheit der Schüler und der Besucher gewährleisten konnten. Wir haben überlegt, ob wir die Veranstaltung absagen müssen“, so Schulleiter Andreas Niessen.

Deshalb sei kurzfristig eine Krisensitzung einberufen worden. "Die hat uns positiv überrascht", sagte der Schulleiter. "Vertreter aller Parteien, der Bürgerschaft und von Vereinen sowie einfache Bürger haben diese Sitzung besucht, und alle haben das Gleiche gesagt. Sie wollten, dass die Veranstaltung stattfindet und versicherten uns ihrer Unterstützung. Alles andere sei eine Kapitulation vor den Rechtsradikalen." Daher habe man entschieden, die Ausstellung zu eröffnen.

Diese fiel genau auf den Gedenktag zur Kapitulation Nazi-Deutschlands. "Also haben die Rechten vor dem Real-Supermarkt eine Mahnwache postiert unter den Motto: Gegen antideutsche Hetze und Gewalt - für nationalen Sozialismus", sagte Killguss. Es gebe aber noch einen weiteren Grund, warum die Sache brisant sei. "Die 'Autonomen Nationalisten Pulheim', kurz ANP, erscheinen gut strukturiert und äußerst aktiv. Einer ihrer Gründer ist Axel Reitz, er gehört zu den bekanntesten Rechtsradikalen Deutschlands." So komme es in Pulheim immer wieder zu rechtsextremistischen Straftaten in Verbindung mit Gewalt. Außerdem fände man an Wänden andauernd Schmierereien mit rechtsradikalen Parolen. "Ein 'Höhepunkt' dieser Aktivitäten war der so genannte Geistermar sch durch Pulheim, bei dem Rechtsradikale vor einem halben Jahr nachts durch Pulheim gezogen sind. Die Sache soll gespenstisch gewesen sein."

In seinem Vortrag stellte Killguss verschiedene Gruppierungen des rechtsradikalen Spektrums vor, wie die NPD, freie Kameradschaften oder die rechtspopulistische Partei "Pro Köln", die im Kölner Stadtrat vertreten ist. Ein besonderes Augenmerk richtete er auf die "Autonomen Nationalisten". "Sie präsentieren sich mittlerweile wie die 'Autonomen Linken' und sind von diesen kaum noch zu unterscheiden. Das Klischee 'Nazi gleich Glatze und Springerstiefel' stimmt nicht mehr. Rechtsradikale kleiden sich völlig normal und versuchen kommunalpolitische Themen zu besetzen, um zur Mitte der Gesellschaft vorzustoßen." Seinem Vortrag folgte eine Diskussionsrunde.

Schulleiter Niessen äußerte sich zufrieden. "Dass sich so viele Menschen für diese Veranstaltung ausgesprochen haben, zeigt, dass die Rechtsradikalen hier nicht willkommen sind." Zu der gleichen Schlussfolgerung kam auch Hans-Peter Killguss angesichts der Tatsache, dass über 300 Besucher den Weg in das Gymnasium fanden. "Das ist ein klares Zeichen gegen Rechts."

Parallel zu der Veranstaltung in der Schule reihten sich in der Innenstadt dicht an dicht die Einsatzfahrzeuge der Polizei, zu Hunderten bezogen die Beamten Stellung, die man aus Köln, Bonn, Düsseldorf, Aachen und einigen anderen Städten zusammen gezogen hatte. Am Pulheimer Bahnhof zeigte die Bundespolizei Präsenz, weil rechte und linke Gruppierungen Kundgebungen und Protestmärsche angemeldet hatten. Rund 20 Rechtsradikale waren vom Bahnhof unter Begleitung der Polizei Richtung Stadtmitte gezogen und versammelten sich auf einem kleinen Platz an der Christianstraße. Später stießen weitere kleine Gruppen aus der rechten Szene dazu. Dank des Großaufgebots der Polizei - gut drei Hundertschaften waren im Einsatz - konnten direkte gewalttätige Konfrontationen verhindert werden.


8. Mai 2008 im Geschwister-Scholl-Gymnasium Pulheim: Noch eine Woche zuvor hatte die Veranstaltung auf der Kippe gestanden, nun platzte der Mehrzweckraum aus allen Nähten angesichts des großen Interesses an der Veranstaltung gegen Rechtsextremismus. Der Einladung waren mehr als 300 Personen gefolgt.

Weitere Informationen unter:http://www.wochenende-frechen.de/rag-ai/docs/105117/lokales
und
http://gsg.intercoaster.de/ic/

Homepage der Schule: www.scholl-gymnasium.de

 

Ein Projekt der Weiße Rose Stiftung e.V. Ein Projekt der Weiße Rose Stiftung e.V.