Netzwerk Weiße Rose   Zitat Dr. Richard Wizsäcker

Das freie Drittel

  

Zwei Drittel Bildungsplan, ein Drittel Eigengestaltung, so sehen es die Lehrpläne vor. Die Geschwister-Scholl-Hauptschule Mannheim nutzt dieses Drittel für ihr Projekt „Soziales Lernen“.

Schüler helfen Schüler. Senioren helfen Schülern. Schüler helfen Alten und Behinderten. Anderen helfen – Menschen in fremden Lebenssituationen –, mit Situationen umgehen, die man nicht kennt, menschliche Grenzsituationen erfahren wie Schwäche, Leid und Tod, eigene Krisen bewältigen, Streit an der Schule schlichten – die Palette der Aktivitäten der Geschwister-Scholl-Hauptschule Mannheim im freien Drittel ist breit. Im Mittelpunkt steht die Erziehung zu eigenverantwortlichem Denken und Handeln (EV). 2001 wurde das EV-Projekt im Namen der Hertie-Stiftung vom damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau ausgezeichnet. Und es funktioniert noch immer.



Das Projekt „Soziales lernen“

Wie Sie sicher bereits Pressenmitteilungen entnommen haben, gibt es in den Schulen neben dem sogenannten Kerncurriculum ein Schulcurriculum, d.h. zwei Drittel des Unterrichtes werden verwendet, um den Bildungsplan zu erfüllen und ein Drittel soll jede Schule mit eigenen Inhalten versehen.
Wir in der Geschwister Scholl Schule haben uns für einen Schwerpunkt entschieden, den man im weitesten Sinne mit dem Erlernen und Anwenden sozialer Kompetenzen beschreiben könnte.

So haben wir seit sechs Jahren das Projekt „Eigenverantwortliches Denken und Handeln“, den sogenannten EV-Raum, so gab es ein Seniorenprojekt, bei dem intergenerativ gearbeitet wird, Senioren helfen Jüngeren und umgekehrt. So gibt es Arbeitgemeinschaften, bei denen Schüler Schülern helfen. Wir haben ein gemeinsames Projekt mit dem Wespinstift, er werden Streitschlichter ausgebildet und jetzt wird das vierte Mal in den 7. Klassen ein Projekt „Soziales Lernen „ durchgeführt. Ziel ist es soziale Verantwortung zu übernehmen und zu lernen. Dies ist auch im weitesten Sinne als Gewaltprävention zu verstehen.

Unter Sozialem Lernen verstehen wir das Lernen, mit sich selbst und anderen Menschen situationsangemessen umzugehen. Es ist die Förderung von Handlungskompetenz und sozialem Bewusstsein.

Bestimmte soziale Grunderfahrungen, wie die Konfrontation mit menschlichen Grenzsituationen, z.B. Schwäche, Leid oder Tod sind immer weniger selbstverständlich. Früher in den Großfamilien war das anders. Viele solcher sozialen Grunderfahrungen müssen heute eigens organisiert und gelernt werden.

Und so haben wir uns zu diesem Projekt entschlossen:

Beim ersten Durchgang war es so, dass die Schüler/ innen eine Woche am Stück in den sozialen Einrichtungen tätig waren.

Aus organisatorischen und inhaltlichen Gründen haben wir es in den kommenden Jahren anders gestalten.

Die Schüler dürfen noch nicht im Pflegebereich arbeiten, d.h., die Vormittage fallen so weg. Die Heime werden durch so viele Praktikantenstellen gefordert, d.h., es ist nicht so einfach, überhaupt noch Schüler unterzubringen. Diese Maßnahmen bringen ja jeweils noch zusätzliche Arbeit, zumindest am Anfang.
Deshalb sind die Veranstaltungen jetzt auf den Nachmittag verlagert.
Die Schüler besuchen – je nach Beanspruchung – an 5 bis 8 Nachmittagen die Einrichtung, für die sie sich entschieden haben.
Das sind z.B. entweder Altenpflegeheime oder Behinderten-Werkstätten. Dies werden wir in den Klassen noch extra besprechen.

Wichtig ist, dass es Menschen in fremden Lebenswelten sind, denen sie begegnen. Sie lernen den Alltag von alten, kranken oder behinderten Menschen kennen. Die Teilnahme am dortigen Alltag sehen wir als Lernchance und Herausforderung zugleich.

Erfahrene Mitarbeiter der Einrichtungen übernehmen Anleitung und Begleitung. Sie gewährleisten, dass die Schüler zwar gefordert, aber nicht überfordert werden und stehen bei Fragen beratend zur Seite.

Erfahrungen auf diesem Gebiet haben gezeigt, dass solche Projekte durchweg positive Auswirkungen auf die Teilnehmer haben. Es fördert das Verantwortungsbewusstsein, sie werden von anderen akzeptiert, sind willkommen, sie spüren Dankbarkeit und Anerkennung, unabhängig von der persönlichen Leistung. Das stärkt das Selbstbewusstsein und schenkt Selbstvertrauen.

Es werden wichtige Grundfähigkeiten trainiert, die neben dem reinen Wissenserwerb für die spätere Berufsfähigkeit eine immer größere Bedeutung bekommen.

Die Begegnung und der Kontakt mit Menschen in anderen Lebenssituationen sind Erfahrungen, die über schulische Wissensvermittlung so nicht möglich sind. Auch ist dies ein wichtiger Impuls zur Teamentwicklung, was von Auszubildenden und Berufstätigen immer mehr erwartet wird.
Wir beginnen mit dem ersten Durchgang nach den Pfingstferien.

Die Klassen werden in einer Veranstaltung darauf vorbereitet. Sie suchen sich selbst die Einrichtung aus, in der sie arbeiten wollen. Danach gibt es eine Auswertung, in der die Eindrücke dokumentiert und präsentiert werden.
Auch das ist wieder eine wichtige Kompetenz, die für spätere Bewerbungsverfahren sehr wichtig ist.


Das EV-Projekt

Seit Beginn des Schuljahres 1999 / 2000, also seit nunmehr 7 Jahren gibt es an der Geschwister-Scholl-Hauptschule in Mannheim - Vogelstang ein sogenanntes EV-Projekt. EV steht für eigenverantwortliches Denken und Handeln.

Geboren wurde dieses Projekt aus einer von allen als sehr belastend empfundenen Krisensituation heraus. So wie sicher alle Schularten und alle Klassenstufen hatten auch wir es mit Schulstörern zu tun.
Und wie sicher überall wurden auch bei uns von den Kollegen sehr unterschiedliche Maßnahmen ergriffen. Die einen gaben die guten alten Strafarbeiten, die anderen stellten vor die Tür, es wurden Schüler zum Schulleiter geschickt und wie sich in zahlreichen Gesprächen herausstelle, fühlten wir uns zunehmend hilfloser, bei manchen spürte man Resignation. Wir wollten eine einheitliche Linie.
Wir hatten einerseits die Verantwortung, lernwilligen Schülern ungestörten Unterricht zu ermöglichen, andererseits wollten wir eine Entlastung für die Lehrer. So fanden sich 10 - 12 Kollegen zusammen, die, zunächst mehr privat, eine Art Grobkonzept erstellten, das im Wesentlichen die Erziehung zur Eigenverantwortlichkeit zum Grundsatz hatte und sich in den Anfängen an das Arizonaprojekt anlehnte, dann aber immer weiter modifiziert wurde. Es wurden Grundregeln im Klassenverband vorgestellt. Darüber wurde auch nicht diskutiert, weil es keine Alternativen gibt. Es wurden auch keine Zusatzregeln erarbeitet, da alle Einzelfälle mit Hilfe dieser Grundregeln beurteilt werden können.

Diese Regeln hängen in allen Räumen.

  1. Jede Schülerin und jeder Schüler hat das Recht, ungestört zu lernen.
  2. Jede Lehrerin und jeder Lehrer hat das Recht, ungestört zu unterrichten.
  3. Jede/r muss stets die Rechte des anderen respektieren.

Stört ein Schüler durch sein Verhalten den Unterricht, so wird er gefragt, ob er sich an die Regeln halten wolle oder ob er in den EV-Raum gehen will. Weiteres Störverhalten wird dann als implizite Entscheidung gegen die Regeln und für das Verlassen des Klassenraumes gewertet.
Dieses Konzept vermeidet den so häufigen, Nerven und Zeit raubenden "Kommunikativen Kampf", das sich meist immer mehr zuspitzende Wechselspiel von Ermahnungen, Androhungen, Rechtfertigungen, "Beleidigt sein" usw.
Bei mehrfachen Regelverstößen, also wiederholten Besuchen im EV-Raum gibt es einen Maßnahmenkatalog, der dann in Kraft tritt.
Verlässt ein Schüler den Unterricht, so bekommt er eine Art Laufzettel, auf dem seine Regelverletzung notiert wird. Er erstellt dann im EV-Raum mit Hilfe des dort anwesenden Lehrers einen Plan, in dem er darlegt, wie es zu der Störung kam und wie er diese in Zukunft vermeiden wolle. Beim dritten Besuch z. B., wird mit ihm ein Vertrag geschlossen, in dem durch möglichst konkrete nachvollziehbare Handlungspläne dargelegt wird, wie künftiges Verhalten auszusehen hat.
Ich möchte jedoch ausdrücklich betonen, dass die Maßnahmen nicht zwangsläufig und unerbittlich durchgeführt werden, sondern dass durchaus die Möglichkeit besteht, im Einzelfall flexibler zu handeln und individuelle Sondervereinbarungen, wir sagen immer Sonderschleifen, zu treffen.
Der Raum ist von der 3. bis einschließlich 6. Schulstunde besetzt. Der Schüler hat so die Möglichkeit, mit einem Unbeteiligten wertfrei über seine Probleme zu reden.
Zwei Prinzipien sollen bei den Schülern gefördert werden:
Wechselseitiger Respekt und Verantwortlichkeit für das eigene Handeln.
Bei uns läuft das Projekt jetzt im 8. Jahr und, wie ich sagen kann, recht erfolgreich.
Wir haben feststellen können, dass sich die Schüler mehr mit ihrer Schule identifizieren. Es wird nicht mehr so viel zerstört. Die Zahl der Schüler, die den Raum aufsuchen, ist rückläufig.

Seit beginn des Schuljahres 2000 wird an unserer Schule auch Mediation / Streitschlichtung durchgeführt. 12 Schüler und 2 Lehrer wurden in Verbindung mit der schulpsychologischen Beratungsstelle zu Streitschlichtern ausgebildet. Diese Schüler gehen derzeit in eine 6. Klasse. Eine Kollegin betreut die Schüler jeweils für 2 Stunden in der Woche. Es werden "Fälle" besprochen; das Formulieren von Vereinbarungen muss z.B. geübt werden. Die Teams schlichten Streitereien in den Klassen 5 + 6.
Die Lösungsfindung liegt bei den Streitenden. Sie sollen ihre Bedürfnisse in die Lösung mit einbringen. Die Schlichter haben dabei eine vermittelnde Rolle. Sie helfen den Streitenden, selbst Lösungen zu finden, die für beide Seiten akzeptabel und zufriedenstellend sind. Ziel ist es, dass die Dialogfähigkeit wieder hergestellt und eine faire Vereinbarung ausgehandelt wird, mit der beide Seiten zufrieden sind.
Die Streitschlichter-Teams stehen in der großen Pause oder bei Bedarf zur Verfügung. Im nächsten Schuljahr sollen Schüler der kommenden 7. Klassen ausgebildet werden.

Nach einigen Anlaufschwierigkeiten haben wir ein Schülercafe eröffnet, das von Schülern und Lehrern in Eigenregie und Eigenarbeit eingerichtet und aufgebaut und auch aus eigenen Mitteln finanziert wurde, so dass alles etwas zögerlich ging. Wir sind immer auf der Suche nach Geldquellen und Sponsoren. Leider können wir das Café derzeit nur in den 2. Schulstunden öffnen, weil wir einfach keine Stunden mehr zur Verfügung haben, hoffen aber, die Öffnungszeiten, auch in Verbindung mit der SMV, stärker ausdehnen zu können.

Als weitere flankierenden Maßnahme bieten wir jeden Tag in der 7. Stunde eine Hausaufgabenbetreuung an, die die Schüler freiwillig aufsuchen können. Es wird ihnen aber auch vielfach von den Kollegen vorgeschlagen, dort hinzugehen, um Hilfe zu bekommen. Dieses Angebot wurde anfangs recht spärlich, zunehmend verstärkt angenommen.

Einmal im Schuljahr wir an unserer Schule eine Schülerzeitung erstellt.

Alle diese Maßnahmen zielen auf eine Stärkung der Schülerpersönlichkeit. Schülern soll bewusst werden, dass sie es sind, die für ihr weiteres Leben die Verantwortung tragen. Und ich denke, wir sind auf einem guten Weg.

(Hannelore Dix-Ernst, Rektorin)

Homepage der Schule: www.gsh-mannheim.de

 

Ein Projekt der Weiße Rose Stiftung e.V. Ein Projekt der Weiße Rose Stiftung e.V.