Netzwerk Weiße Rose   Zitat Dr. Richard Wizsäcker

Der Einzelne zählt - die einzelne Tat

  

Mit dem Projekt „Vergessener Widerstand“ erinnern Schülerinnen und Schüler des Franz-Marc-Gymnasiums Markt Schwaben (Bayern) an kaum bekannte Formen der Gegenwehr vor Ort
Das Projekt umfasst mittlerweile 6 Teile.

Von den „großen Widerständen“ in der Zeit des Nationalsozialismus haben viele schon viel gehört, vom 20. Juli 1944, vom Kreisauer Kreis und – natürlich – von der Weißen Rose. Das ist gut, und das ist wichtig. Doch was ist mit den vielen „kleinen Widerständen“, den alltäglichen, den verborgenen, den verbotenen Hilfen, dem Mut vieler Einzelner? Wer weiß davon? Das Franz-Marc-Gymnasium Markt Schwaben hat sich dieses Themas angenommen. Der unbekannte Widerstand der regionalen und lokalen Geschichte steht im Mittelpunkt des Projekts, das die Weiße Rose Stiftung e.V. mit dem Franz-Marc-Gymnasium Markt Schwaben in Zusammenarbeit mit der Bayerischen Landeszentrale für Politische Bildungsarbeit durchführt. Damit man etwas weiß über seine Wurzeln. Damit junge Leute auch heute zu zivilem Engagement ermutigt werden. Damit die Generationen miteinander ins Gespräch kommen. Dass das funktioniert, sieht man daran, dass das Projekt mittlerweile sechs Teile umfasst.



Mit dem Projekt soll an Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen, die sich gegen das nationalsozialistische Herrschaftssystem stellten, ihre Ablehnung des Systems bekundeten, Gegnern oder Verfolgten Hilfe leisteten und eventuell selbst der Verfolgung ausgesetzt waren, erinnert werden. Wir wollen auf einen unbekannten Aspekt der lokalen Geschichte hinweisen und vorbildhaftes Verhalten einfacher Menschen unter den Bedingungen einer Diktatur zeigen, deren Handeln bisher wenig beachtet oder gänzlich unbekannt geblieben ist. Damit wollen wir Jugendliche zu Zivilcourage ermutigen. Weiter sollen Schüler und Lehrer projekt- bzw. teamorientiert arbeiten und damit zugleich in neuen pädagogischen Formen die NS-Zeit erarbeiten. Wir wenden uns auch an die Öffentlichkeit und versuchen zur Aufarbeitung der lokalen Geschichte des NS-Regimes in den betroffenen Gemeinden zu ermutigen.

„Das Projekt ... war für mich eine sehr interessante Erfahrung, da man erstmals auch von den Auswirkungen des NS-Regimes in den Gemeinden des Landkreises erfuhr. Im Geschichtsunterricht lernt man ja sehr viel über die Verhältnisse während des Nationalsozialismus, doch durch die Recherchearbeiten und Zeitzeugengespräche wurde es um einiges leichter zu verstehen, was es überhaupt hieß, unter diesen Umständen zu leben und sich dagegen aufzulehnen. Obwohl das Ganze noch nicht einmal ein Jahrhundert her ist, haben viele Menschen, besonders die Jugendlichen, kaum noch Ahnung von dem damaligen Geschehen. Damit so etwas nicht noch mal passiert, sollte man jetzt anfangen nachzudenken und zu reden.“
(Martina Memmel, Kollegiatin)

Mit dieser Zielsetzung, wie sie auch schon für den ersten Teil des Projekts formuliert war, ging die Arbeit auch in den folgenden Jahren weiter.

Ein Team aus Schülerinnen und Schülern des Leistungskurses Geschichte oder aus Praxisseminaren, zwei Lehrer und die Weiße Rose Stiftung e.V., als wissenschaftlicher und finanzieller Sponsor, bearbeiteten die Themen. Als äußerst motivierend erwies sich, dass auch der Schulleiter, Herr Dittmann, die volle Unterstützung der Schule zusagt und die Bedeutung des Projekts würdigt.

Die Schüler berichten von Wechselbädern aus „Überraschungen, Erkenntnissen und Gefühlen, wie es niemand von uns erwartet hatte: So machten wir die Erfahrung, dass Aktenstudium in Archiven eine höchst spannende Angelegenheit sein kann. Wir lernten, dass zum wissenschaftlichen Publizieren manchmal auch der Umgang mit Hammer, Nägeln und Schraubenzieher gehört; und wir erlebten, wie uns wildfremde Menschen gerührt in ihr Herz schlossen, weil wir ihre Angehörigen würdigten.“

„Man erlebt Geschichte in einer Weise, wie man sie sonst nie zufassen bekommen hätte. Die Menschen mit denen man redet, haben die damalige Situation hautnah miterlebt und können einem diese Gefühle, die sie damals empfunden haben, ein bisschen näher bringen. Man wird als außenstehende Person wahrscheinlich nie richtig nachempfinden können, was die Menschen damals durchlebt haben, aber man bekommt einen prägenden Eindruck, den man so schnell nicht wieder vergisst. Es ist ein schönes Gefühl, wenn man sieht, wie die Menschen sich freuen, dass man sich mit diesem Thema so intensiv beschäftigt. Da lohnt sich der Aufwand, den man in das Projekt investiert, gleich doppelt. Auch die Arbeit mit historischen Dokumenten im Archiv bringt einem die Geschichte sehr viel näher als ein Schulbuch. Durch die Mitwirkung an der Broschüre sind mir die politischen Hintergründe erst richtig bewusst geworden. Wie die Nazis für ihre grausamen Taten im Hintergrund die Fäden gezogen haben, ist einfach unfassbar. Wegen all dieser Erkenntnisse und der einfach unglaublichen tatkräftigen Unterstützung von den verschiedensten Seiten hat mir dieses Projekt sehr viel Freude bereitet: und ich hin auch ein wenig stolz, dass wir alle diese Ausstellung auf die Beine gestellt haben.“
(Sandrine Metzner, Kollegiatin)

Zu einem ganz besonderen Erlebnis wurde dann der Besuch Gabriel Melzers an der Schule. Er ist einer der „Fälle“, war der KZ-Häftling, der dem Todestransport aus Mühldorf in Poing entfliehen konnte und von den Bauersleuten Huber in Staudach gerettet wurde. Sophia Weikel konnte Kontakt mit ihm aufnehmen, und er kam eigens aus Los Angeles nach Markt Schwaben, um seine Geschichte zu erzählen. Gabriel Melzer, 1927 im damals noch zur CSR gehörenden Uzhorod geboren, wurde dort 1944 mit seiner Familie und 7500 weiteren Juden fünf Wochen lang ghettoisiert und anschließend nach Auschwitz deportiert. Er überlebte als Einziger aus seiner Familie; die Nazis setzen ihn zur Räumung des zerstörten Warschauer Ghettos ein. Im Sommer verschob man ihn in das KZ Dachau, von wo aus er im August zur Zwangsarbeit in das Außenlager Mühldorf verbracht wurde, um dort - zusammen mit weiteren 8000 Häftlingen - unter katastrophalen Bedingungen Bunker zur Montage der Me-262 zu bauen: Man vegetierte in überdachten Erdlöchern dahin. Zu trinken gibt es Regenwasser und zu essen kaum etwas. Alle Gedanken drehten sich um die eine Frage: „Was bekommst du heute zu essen?“ - Er beschreibt, wie die Häftlinge sich gegenseitig den letzten Bissen Brot stahlen: „Wir waren wie Tiere.“
Die entkräfteten Häftlinge mussten ununterbrochen Zementsäcke auf das Dach des Bunkers schleppen: „Einmal fiel einer von uns in den frischen Beton, aber niemand machte sich die Mühe, ihn herauszuziehen. Er liegt heute immer noch irgendwo.“ - Melzer überlebte eine der üblichen Selektionen, weil er geistesgegenwärtig gegenüber dem Arzt ein Geschwür am Fuß bagatellisiert.

Ende April 1945 wurde das Lager vor den anrückenden Amerikanern evakuiert. Melzer, der - im Gegensatz zu 8000 anderen Häftlingen - bis dahin überlebt hatte, wurde mit 3600 weiteren Gefangenen in einen Zug Richtung München zusammengepfercht. In Poing hielt der Zug. Plötzlich hieß es, der Krieg sei zu Ende: In dem allgemeinen Durcheinander gelang ihm zunächst die Flucht. Soldaten nahmen ihn wieder gefangen, beteiligten sich jedoch nicht an dem Massaker, das die SS inzwischen unter den zuerst freigelassenen, dann wieder eingefangenen Häftlingen anrichtete. In Markt Schwaben konnte er mit zwei weiteren Häftlingen erneut fliehen, und die Familie Huber in Staubdach gab ihnen unter Lebensgefahr Unterschlupf auf dem Hof. Denn überall in der Gegend wurde nach Flüchtigen gesucht.

„Die Bauern hatten Mitleid mit uns und verrieten uns nicht, sondern gaben uns zu essen. ... Der größte Tag war für mich der Tag meiner Befreiung. Ich glaube, es war am 1. Mai, als die amerikanischen Panzer und Jeeps anrollten. Das Leben konnte wieder beginnen.“

Gabriel Melzer lebte nach dem Krieg noch drei Jahre in Markt Schwaben, bis er 1948 zu Verwandten in die USA emigrierte. - Heute sagt er darüber: „Ich bin so froh, dass ich ... nach Markt Schwaben zurückgekehrt bin und Leute sehe, die mir damals geholfen haben. Während meines Besuchs wohne ich nun bei der Enkelin derjenigen Bauern, die mir einst das Leben retteten. Markt Schwaben war für mich, der ich niemanden mehr hatte, ein zweites Zuhaue. Hier wurde ich neu geboren. Ich spielte Fußball und besaß ein eigens Fahrrad.“ Und er geht auf eine Weise, die uns wirklich die Tränen in die Augen trieb, noch weiter: „Ich habe schon damals die Erfahrung gemacht, dass man nicht eine ganze Nation verurteilen kann. Wenn ich heute euch sehe, was ihr tut, eure Arbeit, euer Interesse — ihr seid die Zukunft! Das ist eine neue Generation. Das Land ist in guten Händen!“

Ausstellungstafeln im PDF-Format und mehr zum Projekt auf der Homepage der Schule:

Vergessener Widerstand

Homepage der Schule: www.franz-marc-gymnasium.info

 

Ein Projekt der Weiße Rose Stiftung e.V. Ein Projekt der Weiße Rose Stiftung e.V.