Netzwerk Weiße Rose   Zitat Dr. Richard Wizsäcker

"Trainiert Eure Augen, Euren Kopf und Euer Herz"

  

Inge Aicher-Scholl hat den Jugendlichen einst einen Rat mit auf den Weg gegeben. Daran hält sich die Sophie-Scholl-Gesamtschule in Hamm bis heute.

Was können die Mitglieder der Weißen Rose jungen Leuten heute noch bedeuten? Es kommt darauf an, wie man die Frage stellt. „Fragt nicht, ob Ihr Euch in einer derartigen Situation ebenso tapfer verhalten würdet wie sie. Fragt lieber danach, was Ihr tun könnt, dass es erst gar nicht zu einem solchen Terror-Zustand kommt“, riet Inge Aicher-Scholl den Schülerinnen und Schülern der Sophie-Scholl-Gesamtschule in Hamm. Diese Frage der Schwester von Hans und Sophie Scholl, die sie der Schule am 30. Mai 1990 ins Stammbuch schrieb, stellen sich die Schüler bis heute. Um den Grund für die Frage nicht zu vergessen, unterrichten alljährlich am Todestag von Sophie Scholl Schülerinnen und Schüler der Geschichtskurse der gymnasialen Oberstufe die fünften bis siebten Klassen. Eine weiße Rose ziert auch das Schulwappen.



Als Material verwenden die Schüler bei ihrem Unterricht für die Jüngeren altersgerechte Sachtexte über das „Dritte Reich“ und über Sophie Scholl. Auch ein Wissenspuzzle ist im Einsatz. Verantwortlich für das Schülerprojekt ist die Schülervertretung selbst. Und an jedem 22. Februar, dem Todestag von Sophie und Hans Scholl, werden weiße Rosen auf dem Schulhof verteilt.

Für die älteren Schüler wird regelmäßig eine Theatergruppe eingeladen, die die letzten Tage von Hans und Sophie Scholl darstellt.

 

Hier ist der ganze Aufruf von Inge Aicher-Scholl:

An die Schülerinnen und Schüler der Sophie-Scholl-Gesamtschule:

vielleicht gibt Euch Eure Schule den Anstoß zu der Frage, was jene jungen Menschen der Weißen Rose Euch heute noch bedeuten könnten.

Dabei wird es darauf ankommen, dass Ihr diese Frage richtig stellt. Fragt nicht, wie manche es in Briefen an mich tun, ob Ihr Euch in einer derartigen Situation ebenso tapfer verhalten würdet wie sie. Fragt lieber danach, was Ihr tun könnt, dass es erst gar nicht zu einem solchen Terror-Zustand kommt. Trainiert Eure Augen, Euren Kopf und Euer Herz, damit Ihr erkennt, was in der Öffentlichkeit, in der Welt heute geschieht und sich anbahnt. Es kann Euch zum Beispiel nicht gleichgültig sein, wie der Geschichtsunterricht in Eurer Schule erteilt wird. Es kann Euch ebenso wenig gleichgültig sein, was im Osten Europas oder in den Dritte-Welt-Ländern passiert, was irgendwo in der Welt an Kindern, wie Ihr es seid, geschieht. Verlasst Euch nicht zu sehr auf hohe Werte wie Freiheit und Demokratie. Achtet gespannt darauf, wie diese Freiheit im täglichen Leben aussieht. Prüft die Demokratie an der tatsächlichen Möglichkeit, Eure Meinung zu sagen und allmählich an der Gestaltung des öffentlichen Lebens mitzuwirken. Kritische Augen und ein genaues Mitgefühl für das Recht der anderen sind zwei entscheidende Grundlagen für eine gute Entwicklung unserer heutigen Welt.

Was das deutsche Volk damals Hitler in die Arme trieb, war nicht in erster Linie wirtschaftliche Not, sondern vor allem das unpolitische Verhalten der meisten Menschen in Deutschland. Es war ihre Gleichgültigkeit den öffentlichen Dingen gegenüber, die dann zu dem schrecklichen Nichtwissen darüber führte, was mit den jüdischen Nachbarn passierte. Wie tief müssen wir geschlafen haben, als in der Kristallnacht 1938 die Fensterscheiben der jüdischen Häuser und Geschäfte klirrten, als die Synagogen in Flammen aufgingen und unsere jüdischen Mitbürger in den Lagern verschwanden.

Zum Verständnis einfacher politischer Zusammenhänge und zu einer frischen Wachsamkeit ist kein Schulkind zu jung oder zu dumm. Denkt an das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern, wo ein Kind als erstes den Schwindel entdeckte, auf den der Kaiser mitsamt seinen Ministern und dem erwachsenen Volk hereingefallen war.

In einem der Flugblätter die meinen Geschwistern und ihren Freunden das Leben kosteten, steht der Satz: „Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den ihr um euer Herz gelegt! Entscheidet euch, ehe es zu spät ist.“ Warum solltet Ihr einen solchen Gedanken nicht verstehen und beherzigen?

Wenn Ihr also den Namen Eurer Schule nicht als irgendeine gewohnheitsmäßige Bezeichnung hinnehmen wollt, dann lasst ihn eine stete Gedächtnisstütze dafür sein, dass ihr versucht, die Dinge und Verhältnisse in der Welt zu sehen wie sie sind, und das auch deutlich auszusprechen – und dann nachzudenken, wie sie sein sollten und was Ihr selbst dafür tun könnt. Auch die kleinste, vielleicht unscheinbare Arbeit im Interesse notwendiger Veränderungen in unserer Gesellschaft ist nicht vergebens.

30. Mai 1990
Inge Aicher-Scholl

Homepage der Schule: http://www.sophie-scholl.schulnetz.hamm.de/

 

Ein Projekt der Weiße Rose Stiftung e.V. Ein Projekt der Weiße Rose Stiftung e.V.