Netzwerk Weiße Rose   Zitat Dr. Richard Wizsäcker

Vorlesen lassen, ohne rot zu werden

  

Die Erich Kästner-Gesamtschule Essen hat zu einer Lesung der besonderen Art eingeladen – und damit ihr Serviettenprojekt des Netzwerks fortgesetzt.

27. Januar 2009, 64. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Die Erich Kästner-Gesamtschule aus Essen, eine der fünf Gründungsschulen des Netzwerks Weiße Rose, lädt zu einer Lesung in die Aula ein. Die Schülerinnen und Schüler haben Texte geschrieben. Und sie haben sich Lesepaten, allesamt Erwachsene, ausgesucht, die ihre Texte vorlesen. Es sind Beiträge aus dem Buch „Gewichtsprobleme – Selbstaussagen zum Rassismus“, das die Netzwerker schon kennen und das wiederum aus dem „Serviettenprojekt“ erwuchs.
Die Lesung für sich genommen, wäre zwar einmal etwas Neues, aber noch nicht weiter bemerkenswert. Es sind die Texte, die den Abend so besonders machen. Private, fast intime Texte über Ausgrenzung und Rassismus, über Gefühle und Verletzungen.



So schreibt eine junge Polin über alltägliche Ausländerfeindlichkeiten, die oft gar nicht so gemeint sind, dies: „Genau erinnere ich mich nicht an alle Ereignisse – ganz genau aber erinnere ich mich an das Gefühl, das ich in solchen Momenten hatte. Dieses Vorurteil, diese Vorurteile, hatte ich immer im Nacken. Und genau dafür habe ich mich oft geschämt.“ Eine Lehrerin liest den Text für sie vor. Eine Türkin hat einen Text über „Schwul sein und Muslim bleiben – geht das?“ geschrieben. Und ein Mitarbeiter des Pro Asyl-Flüchtlingsrates Essen liest vor: „Was ist so schlimm daran, frage ich mich, wenn man schwul oder lesbisch ist; was ist schlimm daran, wenn man sich scheiden lässt und sich für einen anderen Lebensstil entscheidet. Wird allein dadurch die Familie entehrt? Ich weiß es nicht. Das Einzige, was ich weiß (und glaube!), ist: Gott kann es nicht gewollt haben, dass Menschen töten und dass diese über das Leben der anderen bestimmen.“ Die Schülerin ist Alevitin. Sie ist im islamischen Glauben aufgewachsen. Das machte das Lesenlassen so mutig.

Die Schule trägt den Titel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. An diesem Abend stand eindeutig die Courage der Schüler im Mittelpunkt. Das muss man sich erst einmal trauen: Einen Text über sich zu schreiben, zu veröffentlichen und schließlich von einem Erwachsenen vorlesen zu lassen, während man selbst daneben steht; sich dabei ansehen zu lassen von zweihundert Menschen, von Mitschülern und Lehrern, von Eltern und Gästen. Zu wissen, dass alles aufgenommen und übertragen wird, ohne dabei rot zu werden.

Einer der Lehrer sagte am nächsten Tag: „Bei den Jugendlichen ist mir dies auch heute deutlich geworden: zum Beispiel in der Art ihres Auftretens, im leisen Lächeln beim Vorübergehen. Es sind oft die Kleinigkeiten, die anzeigen, was sich da alles bewegt hat und bewegt. Es ist die menschliche Begegnung, die Unterricht zu wirklichem Unterricht macht, die ein fundiertes Lernen ermöglicht. Es ist schön, wenn dieses Sich-Begegnen in den schulischen Alltag hineinragt, der sich zu leicht und zu oft in geistloser Arbeit am Bildungsfließband erschöpft. Dann können Schüler auf einmal auch Lehrer sein und diese Schüler. Ein Weg, das Lernen zu lernen und zu kultivieren. Es hört ja nie auf.“

Hier kann man sehen, wie der Abend in Essen war – mit vielen Bildern und ein paar Reaktionen: Leihen Sie mir ihre Stimme

Homepage der Schule: http://www.ekg-essen.de

 

Ein Projekt der Weiße Rose Stiftung e.V. Ein Projekt der Weiße Rose Stiftung e.V.