Das Erbe der Weißen Rose heute

Donnerstag, 24. Mai 2012, 13:22 Uhr

Konzeptueller Hintergrund des Entwurfs für die Neugestaltung der Eingangshalle des Willi-Graf-Gymnasiums durch Schülerinnen und Schüler des P-Seminars Kunst "Verhüllung und Enthüllung" unter der Leitung von Frau Uta Schärf.

Inhaltliches Konzept

1. Vermittlung von universalen Werten und Antreten des historischen Erbes der Weißen Rose

Nach einer intensiven Auseinandersetzung mit den Werten und der Lebenshaltung der Mitglieder der "Weißen Rose" sowie deren politischen und sozialen Forderungen und Handlungen, wurde von den Schülerinnen und Schülern des Kurses ein Wertekatalog aufgestellt, der sich einerseits bewusst als eine Fortsetzung der Werte, für die die Weiße Rose gekämpft hat, sieht, andererseits aber auch Bezug nimmt auf die Menschenrechte und das Ringen junger Menschen im Allgemeinen um innere und äußere Freiheit: Freiheit und Verantwortung, kritisches Denken und Zivilcourage, den Mut zur Individualität, zur Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung, Solidarität und politisches Engagement aber auch die Notwendigkeit der Anerkennung der menschlichen Würde, die Notwendigkeit für Toleranz, interkulturelles Verständnis und Vielfältigkeit.

2. Funktion und Symbolik der Eingangshalle und der Säulen

Die Eingangshalle erscheint den SchülerInnen des Seminars in vielerlei Hinsicht wichtig. Zunächst einmal vermittelt sie den ersten Eindruck. Die SchülerInnen, Eltern und Lehrer sollen auf den ersten Blick in Wort und Bild Werte sehen, die relevant für die Schüler von heute sind. Die Schule präsentiert sich mit den Werten, die sie auch im Sinne ihres Namensgebers repräsentieren sollte. Der gestalterische Entwurf der Eingangshalle möchte die SchülerInnen inspirieren, den dargestellten Werten nachzuleben.
Die Eingangshalle als ständiger Aufenthaltsraum der SchülerInnen strebt die Verkörperung von Wertvorstellungen, eine Ästhetik und eine Atmosphäre, die ihnen nahe ist.

Die Säulen - vor allem im vorderen Bereich - haben in der Eingangshalle eine Sonderstellung, weil sich das ganze Schulleben um sie herum bewegt, sie aber auch im übertragenen Sinne als Träger oben genannter Werte funktionieren können: als Stütze, Grundfeste, als Symbol für Verantwortung, Zusammenhalt und Träger historischen Erbes.
Insofern sollen auf den drei Hauptsäulen im Eingang auf der Vor- und Rückseite die sechs Hauptmitglieder der Weißen Rose mit dazu passenden Freiheits- und Friedenssymbolen und Zitaten abgebildet werden.
Die übrigen Säulen und Wände, die nach hinten zu den Klassenzimmern an der rechten Seite fuhren, sollen die Thematik des Erbes der Weißen Rose weiterführen, aber in der Bildsymbolik und der Thematik ausbreiten.
In diesem Bereich gibt es eine Konzentration auf zwei Themengebiete. Zum einen Meinungsfreiheit und Zivilcourage und zum anderen die Verbindung politischer und menschenrechtlicher Forderungen mit Kunst und Musik.

 

3. Zitate

Die Zitate zu den Widerstandskämpfern in der Ausstellung vor der Aula sind bewusst aus einem größeren Fundus als dem der Flugblätter und der anderen schriftlichen Hinterlassenschaft der weißen Rose vom Kurs ausgesucht worden.
Dafür gibt es zwei Gründe: zum einen haben wir schon in unserm Schulhaus ganz hinten links einen sehr schön gestalteten Treppenaufgang, der den Flugblättern der Weißen Rose gewidmet ist. Zum anderen sehen sich die Kursteilnehmer als Erben der weltoffenen Haltung der Widerstandskämpfer und deren weit gefächerten Bildungsstreben.
Es war den SchülerInnen ein Anliegen, die politischen Zitate um Zitate aus der Literatur- und Musikwelt sowie aus den Menschenrechten zu erweitern.
In den freieren Arbeiten werden diese noch durch Aufrufe zur Zivilcourage, freien Meinungsäußerung und zur kreativen Friedensstiftung bereichert.
Diese Erweiterung der Zitate über das Politische und Geschichtliche hinaus in die Bereiche der Lyrik, Literatur, Musik und der Menschenrechte ist einerseits eine Hommage an die breite Bildung und die besondere Freude der Mitglieder der Weißen Rose an Musik und Kunst, Dichtung und Sprache, Philosophie und Theologie aber auch gleichzeitig ein Hinweis auf die gymnasiale Bildung, die auf der Vermittlung von humanistischen Werten in den meisten Fächern basiert.

 

Ästhetisches Konzept

1.Stil

Der Kurs hat sich in viermonatiger Arbeit darauf geeinigt, die vielfältigen Entwürfe zu dem oben beschriebenen Wertekatalog auf eine gemeinsame ästhetische Linie zu reduzieren.
Gewählt wurde eine Ausdrucksform, die modern, schlicht und aussagekräftig ist. Anlehnend an expressionistische, flächige druckgraphische Techniken und an zeitgenössische Streetart bzw. Stencil Art sollen die Bildgestaltungen plakativ und repräsentativ sein. Graphisches Linienspiel wird durch flächige Gestaltung in der Interaktion von Bild und Wort ergänzt.

2. Schema für 3 Hauptsäulen

Die Bilder mit den Widerstandkämpfern, die für die drei Hauptsäulen gedacht sind, entsprechen alle demselben gestalterischen Schema: Die Köpfe der Widerstandskämpfer werden mit einem Freiheitssymbol, einem Zitat sowie mit den Kürzeln des WGGs versehen.

3. Schrifttyp

Der Schrifttypus im Bezug auf Zitate soll für alle Gestaltungen der Eingangshalle gleich sein. Ansonsten sollen Schrift und Bild kreativ ineinander wirken.

4. Bildträger

Zudem ist es möglich, beweglich im Bezug auf die Bildträger zu sein. Es wäre möglich die Bilder auf Leinwände zu malen, allerdings geben alle Kursmitglieder aus formalen und inhaltlichen Gründen den Vorzug an eine direkte Bemalung auf der Wand.

5. Farbliche Gestaltung

Die Reduktion auf Schwarz und Weiß würde die Nähe zur Street Art, zur Begrenzung aufs Essentielle, auf den Zeichencharakter der Bilder betonen. Es ist jedoch auch eine farbliche Version in blau oder rot denkbar, in der ein lasurartiger Auftrag der Farbe die Farbflächen beleben könnte.

6. Mögliche Ausstellungsformen und geplante Aktionen

I. Ausstellung von Entwürfen und Zeichnungen
Die Entwürfe und Zeichnungen für die Gestaltung von Mauern und großformatigen Bildern werden in kleineren Formaten von DIN A4 - DIN A2 ausgestellt.

II. Ausstellung von großformatigen Bildern
Die in großformatige Wand- oder Tafelmalereien umgesetzten Entwürfe werden in Formaten von 1,50 m x 0,65 m bzw. 1,50 m x 1,80 m ausgestellt.

III. Licht- und Schatteninstallation
Folien der Bilder werden mit Projektoren an die Wand projiziert oder mit dem Beamer an die Wand/Wände geworfen. Die Figuren auf den Bildern sollen reale Menschengröße haben, damit sich die Zuschauer körperlich und geistig mit den Figuren auf den Bildern auseinandersetzen können. Zudem werden sie mit ihrem Schatten Teil des Werkes, verschmelzen mit den Figuren, überdecken sie oder gehen/stehen neben ihnen.

IV. Ausstellung von Fotos einer Flugblattaktion
Im Geiste und Andenken der Flugblätter der Weißen Rose haben die Schülerinnen und Schüler Flugblätter entworfen, die sich mit den Werten der Weißen Rose und der Verwirklichung von Werten wie kritisches Denken, Meinungsfreiheit, Toleranz, Zivilcourage und Solidarität im (Schul-)leben auseinandersetzen. Diese Flugblätter werden in zentralen Punkten der Schule von den Treppen und dem Turm geworfen. Die Fotos der Aktion und die Entwürfe der Flugblätter sollen in DIN A4 und DIN A3 Formaten ausgestellt werden.

Uta Schärf

Bildbeschreibung für drei Wandmotive

1. Hans Scholl: Die Vögel, die sich aus dem Stacheldrahtzaun lösen und befreien, drückt das existenzielle Motiv der Freiheit aus; welches auch ein Kerngedanke der Weißen Rose war.
Sich der eigenen Unfreiheit bewusst zu werden und die Beschränktheit des Bestehenden aufzuzeigen, um schließlich aus den Grenzen auszubrechen, fordert Courage, Engagement und Individualität, aber auch das Verlangen nach einem autonomen und vielfältigen Leben. Es reicht aber nicht, kritisch zu denken, sondern auf das Aussprechen und Verwirklichen dieser kritischen Gedanken kommt es an. Dies wird aufdem Bild durch das Zitat "Zahme Vögel singen von der Freiheit. Wilde Vögel fliegen." und dem Konterfei Hans Scholls dargestellt, der für das Aussprechen dieser kritischen Gedanken mit dem Leben bezahlen musste.

2. Sophie Scholl: Das Bild zeigt das Gesicht Sophie Scholls, die Buchstaben WGG für Willi Graf Gymnasium, eine große Rose und ein Zitat Pablo Nerudas, indem es heißt: "Sie können alle Blumen abschneiden, aber nie werden sie den Frühling beherrschen." Das Zitat drückt die hoffnungsvolle Überzeugung aus, dass es auch in schweren Zeiten immer Menschen geben wird, die nicht das tun, was die anderen tun und die nicht so denken, wie es ihnen diktiert wird. Die Rose verweist zum einen auf die Widerstandsgruppe der Weißen Rose und zum anderen bringt sie eine gewisse jugendliche Zaghaftigkeit und Ästhetik zum Ausdruck. Auf dem Bild ist Sophie Scholl zu sehen, da gerade sie, als einzige Frau in der Weißen Rose, die Brücke zwischen Ikone und mädchenhafter Unschuld schlägt.

3. Christoph Probst: "Freiheit ist das Recht, anderen zu sagen, was sie nicht hören wollen."
Dieses Zitat von George Orwell, sowie der junge Christoph Probst und zwei Hände, die sich aus Handschellen befreien, sind auf dem Bild zu sehen. Die zwei Hände zeigen einem, wie schwer es ist, sich von etwas zu befreien, das einen einschränkt und an freiem Denken und Handeln hindert. Es ist genauso schwer, sich von den selbstgebundenen Fesseln zu lösen, wie sich vom Strom zu trennen und gegen ihn zu schwimmen. Wer es soweit bringt und aus der grauen Menge heraus sticht und eben anderen sagt, was sie nicht hören wollen, der kann auch heute noch als Vorbild und Inspiration dienen.

Jan Niclas Niehaus



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