Ziel der Weiße Rose Stiftung e.V. ist es, im In- und Ausland die Erinnerung an den Widerstand der Weißen Rose wach zu halten sowie Toleranz und demokratisches Bewusstsein zu stärken.
Die Instrumentalisierung der Weißen Rose

Die Instrumentalisierung der Weißen Rose

Dr. Hildegard Kronawitter (Weiße Rose Stiftung e.V.) und Martin Becher (Bayerisches Bündnis für Toleranz) beschäftigten sich am 17. März 2021 in einem Gespräch via Zoom mit Instrumentalisierungsversuchen der Weißen Rose, insbesondere von Sophie Scholl.

Einen Auszug lesen Sie hier.

Das ganze Gespräch können Sie nachlesen unter: www.evangelisch-sophie-scholl-m.de/kronawitter-becher

 

Martin Becher (M.B.): Seit wann nehmen Sie die Instrumentalisierungsversuche der Weißen Rose, der Geschwister Scholl, insbesondere von Sophie Scholl wahr oder hat es das schon immer gegeben? Gibt es da Veränderungen? Um die Phänomene zu beschreiben: wird es aggressiver?

Dr. Hildegard Kronawitter (H.K.): In der Tat, es gibt Wellen. Und diese Wellen können wir sogar einigermaßen zeitlich zuordnen. Beispielsweise hat 2017 die AfD mit einem Wahlplakat geworben: „Sophie Scholl würde AfD wählen“. Das war damals ein ziemliches Aufbegehren, weil nicht nur wir als Weiße Rose Stiftung das völlig unangemessen gefunden haben, sondern weil wir auch viele empörte Zuschriften bekamen zu diesem Missbrauch. Seit etwa einem knappen Jahr, seit die sogenannten Querdenker unterwegs sind, gibt es eine andere Welle mit einem anderen Bezug. Vorher gab es in München Pegida-Gruppierungen, die sich auf die Weiße Rose berufen haben und sogar so weit gingen, eine ‚Neue Weiße Rose‘ öffentlich zu gründen. Diese Gründung, die immer noch im Internet zu finden ist, war natürlich ein Missbrauch im Kontext der Pegida-Aktivitäten. 2017 agierte ein AfD-Kreisverband eher isoliert. Aber bei den Querdenkern erreicht es heutzutage eine andere Größenordnung, weil bundesweit immer wieder der Bezug zur Weißen Rose und speziell auch zu Sophie Scholl gezogen wird. Vor diesem Hintergrund grenzen wir uns auf der Homepage der Weiße Rose Stiftung klar ab. Weitere Handhabungen stehen uns nicht zur Verfügung, als den Missbrauch als solchen zu bezeichnen und die Unterschiede zwischen heute und der doch sehr brutalen NS-Diktatur herauszustellen.

(…)

M.B.: (…) Was glauben Sie, ist das Besondere an der Weißen Rose, dass es jemanden wie Jana in Kassel (…) reizt, die Gruppe für die eigene moralische Legitimation zu verwenden?

H.K.: Die Weiße Rose ist sehr bekannt und aus dem Kreis der Weißen Rose ist Sophie Scholl sicherlich die Bekannteste. Wenn man also die Widerstandsgruppe auf das eigene Handeln bezieht, will man bei vielen Menschen ein gewisses „Aha-Erlebnis“ provozieren, da die meisten Menschen schon von der Weißen Rose, von Sophie Scholl gehört haben.

Das Zweite ist, dass auch weniger gut informierte Personen wissen, dass der Widerstand der Weißen Rose ein sogenannter Aufstand des Gewissens war. Dieser Widerstand ist nicht an eine politische Gruppierung oder eindeutig an die evangelische oder katholische Kirche und deren Widerstandsaktivitäten gekoppelt, sondern er steht für sich selbst. Wir wissen beispielsweise, dass der Widerstand von kommunistischer Seite, z.B. der Roten Kapelle weitreichender war als der der Weißen Rose. Aber er gilt als kommunistischer Widerstand, weswegen man sich nicht ohne weiteres darauf beziehen möchte. Es ist somit einerseits die Bekanntheit, andererseits das nicht eingebettet sein in einen Kontext, der für sich selbst schon eine deutliche politische Aussage darstellt.

Außerdem geht es um die Identifikation mit den jungen Studierenden, mit diesen so sympathischen Leuten. Wir kennen beispielsweise Fotos von Sophie Scholl, die uns auch heute noch geradezu hinreißen, weil sie so selbstbewusst, sicher, klar denkend erscheint. Und es ist immer sehr viel angenehmer, sich mit jemanden zu identifizieren, den alle Menschen ziemlich sympathisch finden.

M.B.: (…) Sophie Scholl hat schon diesen ikonografischen Status, würde ich sagen. Ich finde sehr spannend, was Sie zu der Jugendlichkeit, der Unverbrauchtheit sagen. Meine Assoziation ist es derzeit, dass es weltweit eine neue Generation junger Menschen gibt, die sich politisch engagieren: Es sind junge Frauen, die sich auf den Weg machen, beispielsweise Greta. Als Resultat verführt diese Entwicklung rechtsgerichtete Leute dazu, sich auf eine junge deutsche Frau zu fixieren.

H.K.: Das ist, wie man sagt, die Instrumentalisierung für den eigenen Zweck. Ich halte es für die Aufgabe der Stiftung und des Bündnisses für Toleranz, den Unterschied immer wieder aufzuzeigen. Widerstand in der NS-Diktatur bedeutete, dass man sich in höchster Lebensgefahr befand. Und diese Lebensgefahr bestand auch schon darin, ein Flugblatt zu verteilen oder Hitler im persönlichen Gespräch zu kritisieren. Mit drakonischen Strafen sollte die freie Meinung unterdrückt werden. Es ist aber etwas ganz anderes, wenn ich in einer Demokratie lebe, die Meinungsfreiheit ermöglicht und den Rechtsstaat garantiert. Am Beispiel eines Verbots einer Demonstration sei dies veranschaulicht. Es passiert immer wieder, dass Gerichte Verbote aufheben, weil das Gebot der Verhältnismäßigkeit nicht ausreichend berücksichtigt worden war. Aber dieses notwendige Abwägen in einer Demokratie, darf den fundamentalen Unterschied zur Diktatur nie verwischen.

M.B. Ich finde, diese politische Ebene ist sehr spannend, aber gleichzeitig ist es auch eine psychologische Ebene, die ich wahrnehme. Es vermischt sich für mich in dem Begriff „weißwaschen“. Man nutzt den Rückgriff auf Sophie Scholl, die Geschwister Scholl und die Weiße Rose, um sich selbst weiß zu waschen und natürlich ist es auch eine Form der narzisstischen Selbsterhöhung. Wenn man sich Jana aus Kassel anschaut, dann ist es ja schon eine Form von Narzissmus, die sich da ausprägt. Höher gehen der Vergleichsmaßstab und die Autorität nicht. Wenn man sagt, man hat jetzt 10 Tage damit verbracht, Demonstrationen anzumelden und dann fühlt sich eine junge Frau schon wie Sophie Scholl. Ein höheres Attribut kann man sich selbst nicht anheften. Und das scheint eine hohe Versuchung zu sein.

H.K.: Ja, diese Legitimation, ich tu, ich handle und ich legitimiere die Handlung, das ist uns letztlich allen eigen. Wir wollen erklären, warum wir etwas tun. Aber wie Sie schon sagten, diese eigene Überhöhung durch den Vergleich mit einer Person, die in einem ganz anderen Alltag lebte, als ich heute, grenzt an Narzissmus. Ich finde es bemerkenswert, dass die ganze Bundesrepublik der jungen Frau die Rote Karte gezeigt hat, weil sie nicht verstanden hatte, dass dieser Bezug, den sie herstellte, nicht akzeptabel ist. Sie hat den Unterschied zwischen lebensbedrohlichem Widerspruch in einer Diktatur und dem Dagegensein in einer Demokratie vernachlässigt.

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