Ziel der Weiße Rose Stiftung e.V. ist es, im In- und Ausland die Erinnerung an den Widerstand der Weißen Rose wach zu halten sowie Toleranz und demokratisches Bewusstsein zu stärken.
Hans Leipelt – 100. Geburtstag am 18. Juli 2021

Hans Leipelt – 100. Geburtstag am 18. Juli 2021

Hans K. Leipelt ist am 18. Juli 2021 vor 100 Jahren geboren. Leipelt ist die siebte Person, die im Kontext des Widerstands der Weißen Rose vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt wurde; seine Hinrichtung erfolgte am 29. Januar 1945 in München-Stadelheim. Im Prozess am 13. Oktober 1944, der wegen des zerstörten Justizpalastes in München in Donauwörth stattfand, wurde seine Mitstreiterin Marie-Luise Jahn zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt und weitere Freund:innen aus dem Chemischen Institut der LMU erhielten ebenfalls Haftstrafen.

 

An der Fakultät für Chemie und Pharmazie der LMU wird Hans Leipelt mit dem virtuellen Vortrag „Gedenken der Fakultät für Chemie und Pharmazie zum 100. Geburtstag ihres Chemiestudenten Hans Konrad Leipelt“ von Angela Bottin geehrt. Zu diesem Anlass zeigt die Weiße Rose Stiftung ihre Ausstellung „Hans Leipelt und die Weiße Rose“ am Institut. 

Auf unserem YouTube-Kanal kann der Online-Vortrag angesehen werden: https://www.youtube.com/Hans.Leipelt

 

Einen Online-Vortrag zu Hans Leipelt und zur Weiße Rose Hamburg wird es ebenso von Prof. Peter Fischer-Appelt geben, übertragen wird dieser im Rahmen der Zoom-Konferenz “Widerstand im Nationalsozialismus” der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste bei in Salzburg am 18. Juli um 11 Uhr. Weitere Informationen dazu unter: Events | European Academy of Sciences and Arts (euro-acad.eu)

 

Der junge Chemiestudent Hans Leipelt spielte für die weitere Verbreitung der Flugblätter der Weißen Rose eine entscheidende Rolle. Er stammte aus einer weltoffenen, wohlhabenden Hamburger Familie. Da er als „Halbjude“ galt, wurde er im Sommer 1940 trotz seiner Auszeichnung aus der Wehrmacht entlassen. Ab dem Wintersemester 1941/42 führte Hans Leipelt sein in Hamburg begonnenes Studium am Chemischen Institut der LMU fort. Der Institutsleiter Nobelpreisträger Prof. Heinrich Wieland setzte sich über die verordnete Diskriminierung „halbjüdischer“ Studenten hinweg. Am Institut traf er Gleichgesinnte, so auch seine Freundin, die Chemiestudentin Marie-Luise Jahn, die sich seinem Widerstand anschloss. Marie-Luise (Schultze-)Jahn war später Mitbegründerin der Weiße Rose Stiftung.

Hans Leipelt erhielt das VI. Flugblatt der Weißen Rose am 18. Februar 1943; an dem Tag, an dem Hans und Sophie Scholl im Lichthof der Ludwig-Maximilians-Universität München beim Verteilen der Flugblätter vom Hausschlosser Jakob Schmid festgehalten und der Gestapo übergeben wurden. Als Leipelt – so berichtete Marie-Luise Schultze-Jahn nach dem Krieg – von den Todesurteilen für die Geschwister Scholl und Christoph Probst erfahren hatte, entschied er sich, das Flugblatt weiter zu verbreiten. Gemeinsam tippten die beiden das VI. Flugblatt auf einer Reiseschreibmaschine mehrfach ab und gaben ihm die zusätzliche Überschrift: „…und ihr Geist lebt trotzdem weiter!“ Sie fuhren nach Hamburg, um es Leipelts Schwester Maria und befreundeten Regimegegnern zu zeigen. Auch diese schrieben das Flugblatt ab und verteilten es unter Gleichgesinnten. Die Freunde in Hamburg und am Chemischen Institut in München gaben Hans Leipelt Geld für Clara Huber, die nach der Verhaftung am 27. Februar 1943 und späteren Hinrichtung ihres Mannes Prof. Kurt Huber völlig mittellos wurde. Clara Huber erhielt die Spenden anonym.

Die Geldsammlung wurde verraten, worauf ab Oktober 1943 Hans Leipelt, Marie-Luise Jahn und weitere Personen in München festgenommen wurden. Anschließend verschärfte die Gestapo die Ermittlungen in Hamburg gegen Verwandte und Freunde von Hans Leipelt, zahlreiche Verhaftungen erfolgten auch dort. Nach einjähriger Haft wurde Hans Leipelt am 13. Oktober 1944 vom Volksgerichtshof in Donauwörth wegen „Wehrkraftzersetzung und Volksverhetzung“ zum Tode, seine Freundin Marie-Luise Jahn zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt. Fünf weitere am Widerstand Beteiligte wurden angeklagt: Lieselotte Dreyfeldt, Wolfgang Erlenbach, Valentin Freise, Hedwig Schulz, Franz Treppesch. Gegen zwei „halbjüdische“ Angeklagte wurde nicht verhandelt, sie waren bereits in Konzentrationslager verschleppt worden.

Am 29. Januar 1945 wurde Hans Leipelt im Alter von nur 23 Jahren im Gefängnis München-Stadelheim hingerichtet. Auf dem Friedhof am Perlacher Forst, wo auch Hans und Sophie Scholl, Christoph Probst, Alexander Schmorell und Willi Graf begraben wurden, wurde er anonym bestattet. Seine Mutter war am 9. Dezember 1943 im Polizeigefängnis Hamburg-Fuhlsbüttel unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen. Seine jüngere Schwester Maria war von November 1943 bis Kriegsende in Haft. Sie wurde am 14. April 1945 zusammen mit Traute Lafrenz, die sich in München und Hamburg an der Flugblattverteilung beteiligt hatte, und weiteren Freundinnen im Frauengefängnis Bayreuth befreit. Marie-Luise Jahn konnte dank amerikanischer Truppen Ende April 1945 das Zuchthaus Aichach verlassen. Ihre Erinnerungen veröffentlichte sie unter dem Titel “… und ihr Geist lebt trotzdem weiter!”

 

Kirchenrat Dr. Björn Mensing, Landeskirchlicher Beauftragter für evangelische Gedenkstättenarbeit, erinnerte im Rahmen einer wöchentlichen ökumenischen Coventry-Andacht an Hans Leipelt. Die Videoaufzeichnung dazu wird am Freitag, 16. Juli 2021, auf dem YouTube-Kanal der Versöhnungskirche veröffentlicht und bleibt für längere Zeit dort verfügbar: https://youtu.be/3GdQOg84x-Q.

 

Am Donnerstag, 18. Juli 2021, wird die VVN/BdA Hamburg am Weiße-Rose-Mahnmal in HH-Volksdorf Hans Leipelt und seinen Widerstand gegen das NS-Regime würdigen.

 

Wir verweisen auf den mit QR-Codes und GPS-Daten versehenen digitalen Rundgang auf den Spuren der Familie Leipelt durch Hamburg Wilhelmsburg, der im vergangenen Jahr von einer 9. Klasse der Stadtteilschule Wilhelmsburg erarbeitet wurde und am Haupteingang ihrer Schule in der Rotenhäuser Straße 47 beginnt: http://weristhans.com/