Flugblätter der Weißen Rose

„Flugblätter der Weissen Rose“ überschreiben Hans Scholl und Alexander Schmorell die ersten vier Schriften, die sie im Sommer 1942 verfassen, vervielfältigen und verschicken. Unter dem Titel „Flugblätter der Widerstandsbewegung in Deutschland. Aufruf an alle Deutsche!“ erscheint mithilfe weiterer Freunde Ende Januar 1943 das fünfte Flugblatt. Es folgt das größtenteils von Kurt Huber verfasste Flugblatt „Kommilitoninnen! Kommilitonen!“. Beim Auslegen dieses Flugblatts werden Hans und Sophie Scholl am 18. Februar 1943 in der Münchner Universität verhaftet. In seiner Manteltasche trägt Hans Scholl den Entwurf eines siebten Flugblatts, den Christoph Probst geschrieben hat.

Vom 27. Juni bis 12. Juli 1942 entstehen die ersten vier Flugblätter in Alexander Schmorells Elternhaus in München. Darin appellieren die Studenten vor allem an die politische Verantwortung der „deutschen Intelligenz“. Um besonders diese Leser von ihrer moralischen Pflicht zum Widerstand zu überzeugen, argumentieren Scholl und Schmorell mit Auszügen aus der antiken und klassischen Literatur. Die Bevölkerung sollte aufgerüttelt werden, deshalb sprechen sie mehrmals von einer drohenden militärischen Katastrophe. Sie selbst lehnen den Krieg ab und sehen in der Niederlage Deutschlands die Voraussetzung für einen Neubeginn.

Das fünfte und das sechste Flugblatt werden mithilfe weiterer Mitstreiter Ende Januar und Mitte Februar 1943 tausendfach auch in anderen Städten verteilt. Das fünfte Flugblatt richtet sich in klarer politischer Sprache an die breite Bevölkerung. Der Titel „Flugblätter der Widerstandsbewegung in Deutschland. Aufruf an alle Deutsche!“ soll den Eindruck erwecken, dass sich in Deutschland bereits eine große, zusammenhängende Opposition gegen die NS-Diktatur entwickelt habe. Das sechste Flugblatt, „Kommilitoninnen! Kommilitonen!“, wendet sich gezielt an die Münchner Studierenden. „Wir beginnen wirklich mit der Arbeit, der Stein kommt ins Rollen“, notiert Willi Graf am 13. Januar 1943 in sein Tagebuch.

 

„… ehe die letzten Städte ein Trümmerhaufen sind, gleich Köln“

Das erste Flugblatt knüpft an den Schock der Bevölkerung über das beginnende Flächenbombardement deutscher Städte durch die Alliierten an. Es führt den Lesern vor Augen, dass die Bombardierung eine katastrophale Folge des deutschen Angriffskriegs sei und appelliert: „… wo immer ihr auch seid, verhindert das Weiterlaufen dieser ateistischen Kriegsmaschine.“

 

„… dreihunderttausend Juden (…) auf bestialische Art ermordet“

Im zweiten Flugblatt verurteilt die Weiße Rose den Massenmord an den Juden in Polen. Sie sieht darin das „fürchterlichste Verbrechen an der Würde des Menschen“. Die Verfasser sprechen der schweigenden Mehrheit in Deutschland eine Mitschuld zu, weil sie dazu beitrug, dass „diese Regierung überhaupt entstehen konnte“. Es ist eines der wenigen bekannten Dokumente des deutschen Widerstands, das die Ermordung der jüdischen Bevölkerung öffentlich anprangert.

 

„S a b o t a g e …“

Um den politischen Umsturz einzuleiten, ruft die Weiße Rose im dritten Flugblatt zur Sabotage auf. Widerstand gegen einen verbrecherischen Gewaltstaat sei „sittliche Pflicht“. Jeder Einzelne solle versuchen, den Nationalsozialisten in seinem jeweiligen Lebensumfeld entgegenzuarbeiten: „… in rüstungs- und kriegswichtigen Betrieben, (…) in allen Versammlungen, Kundgebungen, Festlichkeiten, Organisationen, die durch die nat.soz. Partei ins Leben gerufen werden.“ „Gebt nichts …“ … fordert die Weiße Rose und widersetzt sich damit den Kampagnen, mit denen das NS-Regime die Bevölkerung ständig zu Spenden drängt. So sollen etwa Altstoffsammlungen den kriegsbedingten Rohstoffmangel ausgleichen. Mit diesem Beispiel aus dem Alltagsleben will die Weiße Rose zeigen, dass „ein jeder in der Lage ist, etwas beizutragen zum Sturz dieses Regimes“.

 

„Jedes Wort, das aus Hitlers Mund kommt, ist Lüge“

Der sprachliche Duktus im vierten Flugblatt zeigt deutlich den Einfluss eines Mentors der Weißen Rose, des katholischen Schriftstellers Theodor Haecker: Die NS-Diktatur wird als „Macht des Bösen“ beschrieben, Hitler mit „Satan“, dem „Boten des Antichrists“, gleichgesetzt.

 

„… der Vormarsch im Osten“

Die Weiße Rose warnt vor „jedem Optimismus“. Die erfolgreiche Schlacht bei Charkow und die Sommeroffensive der Wehrmacht hätten bei den Anhängern Hitlers nur eine trügerische Hoffnung genährt. Hitler treibe vielmehr für seine Kriegsziele die deutschen Soldaten in einen sinnlosen Tod: „Täglich fallen in Russland Tausende.“

 

„Hitler kann den Krieg nicht gewinnen, nur noch verlängern!“

Im fünften Flugblatt der Weißen Rose ist dieser Satz eine zentrale Botschaft. Die Royal Air Force warf bereits zwischen Februar und August 1942 mindestens sechs Flugschriften mit ähnlicher Aussage in großer Zahl über deutschen Städten ab.

 

„Schutz des einzelnen Bürgers vor der Willkür verbrecherischer Gewaltstaaten“

Die Forderung nach einem freiheitlichen und gerechten Staat wird im fünften Flugblatt wiederholt und erweitert: „Freiheit der Rede, Freiheit des Bekenntnisses, Schutz des einzelnen Bürgers vor der Willkür verbrecherischer Gewaltstaaten“. In diesen Menschenrechten sieht die Weiße Rose die „Grundlagen eines neuen Europa“. Imperialismus, Militarismus und preußischer Zentralismus sollen abgelöst werden durch eine „grosszügige Zusammenarbeit der europäischen Völker“ und eine „föderalistische Staatenordnung“.

Vergleichbare Forderungen finden sich auch in der Atlantik-Charta, die im Sommer 1941 von Roosevelt und Churchill beschlossen worden ist. Nach dem Sieg über den Nationalsozialismus soll ein Europa geschaffen werden, in dem ein Leben „frei von Furcht und Mangel“ möglich sei.

 

„Deutsche Studentinnen haben (…) auf die Besudelung ihrer Ehre eine würdige Antwort gegeben“

Im sechsten Flugblatt solidarisiert sich die Weiße Rose mit den Protesten von Studierenden gegen die anzüglichen Bemerkungen, mit denen Gauleiter Paul Giesler in seiner Rede zur 470-Jahrfeier der Münchner Universität im Januar 1943 die Studentinnen beleidigte.

 

„Es geht uns um wahre Wissenschaft und echte Geistesfreiheit!“ Das sechste Flugblatt attackiert die doktrinäre „weltanschauliche Schulung“ im nationalsozialistischen Bildungssystem, das jedes „Selbstdenken“ ersticke. Es ruft die Studierenden der Münchner Universität auf, sich gegen die Unterdrückung der geistigen Freiheit aufzulehnen: „Im Namen der ganzen deutschen Jugend fordern wir von dem Staat Adolf Hitlers die persönliche Freiheit, das kostbarste Gut des Deutschen zurück, um das er uns in der erbärmlichsten Weise betrogen hat.“

 

„Hitler und sein Regime muss fallen, damit Deutschland weiterlebt“

Seit November 1942 ist die 6. Armee der deutschen Wehrmacht bei Stalingrad eingeschlossen. Hitlers Befehl, weiterzukämpfen, führt eine ganze Armee in Tod oder Gefangenschaft. Die NS-Diktatur stilisiert diese Niederlage zum Heldenepos. Der junge Familienvater Christoph Probst nimmt Stalingrad zum Anlass, eine fundamentale Anklage gegen Hitler zu verfassen, „der die Juden zu Tode marterte, die Hälfte der Polen ausrottete, Russland vernichten wollte“. Dieser Entwurf für das siebte Flugblatt kann nicht mehr vervielfältigt werden.

 

Sie können die Faksimiles der Flugblätter sowie die Texte der Flugblätter in den Sprachen Englisch, Französisch, Italienisch, Norwegisch, Polnisch, Russisch und Spanisch auf Anfrage von der Weißen Rose Stiftung beziehen. Wenden Sie sich an das Büro der Stiftung.

I. Flugblatt der Weißen Rose

1. Flugblatt der Weißen Rose, Faksimile1. Flugblatt der Weißen Rose, Faksimile

II. Flugblatt der Weißen Rose

2. Flugblatt der Weißen Rose, Faksimile 2. Flugblatt der Weißen Rose, Faksimile

III. Flugblatt der Weißen Rose

3. Flugblatt der Weißen Rose, Faksimile 3. Flugblatt der Weißen Rose, Faksimile

IV. Flugblatt der Weißen Rose

4. Flugblatt der Weißen Rose, Faksimile 4. Flugblatt der Weißen Rose, Faksimile

Aufruf an alle Deutsche!
V. Flugblatt der Weißen Rose

5. Flugblatt der Weißen Rose, Faksimile 5. Flugblatt der Weißen Rose, Faksimile

Kommilitoninnen! Kommilitonen!
VI. Flugblatt der Weißen Rose

6. Flugblatt der Weißen Rose, Faksimile